In neuer Frische

Panoramaweg Schwarzatal

Das wildromantische Schwarzatal ist ein Naturjuwel – und das nicht nur wegen so manch Edelstein- und Goldfundes. Auf dem Panoramaweg können Wandernde sich ein Bild davon machen. Dabei erleben sie im „Tal der Sommerfrische“ neben landschaftlichen auch weitere Highlights wie das sanierte Schloss Schwarzburg oder die weltweit steilste Standseilbahn.

Der Begriff „Sommerfrische“ tauchte erstmals im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm auf. Ihre Definition damals: „Erholungsaufenthalt der Städter auf dem Lande zur Sommerzeit“. Das märchenhafte Schwarzatal schien dafür wie gemacht! Beflügelt durch den Ausbau der Schwarzatalbahn zog das wildromantische Kerbtal am Nordrand des Thüringer Schiefergebirges ab Anfang des 20. Jahrhunderts scharenweise Urlaubende an. Und viele wollten zunehmend mehr als „nur“ in einer Pension entspannen, nämlich unterwegs sein – allein, in der Gruppe, mit Guide. Vorteil hier: Mit ortskundiger Führung bekommen Wandernde generell ein paar Extras, im aktuellen Fall von Andrea und Gunter Werrmann sogar extraviele.

Schließlich kennen sich die in der Region verwurzelten Rentner sehr gut mit Geschichte(n) aus, laufbegeistert sind die beiden sowieso. Sie engagiert sich als 2. Vorsitzende im Wanderverein Saalfeld, er im Vorstand des Thüringer Gebirgs- und Wandervereins.

 

Viele Etappen, viele Möglichkeiten

Wer nicht eine ganze Woche investieren will – so lange dauert etwa die 3.800 Höhenmeter zählende, mittelschwere Tour –, wählt im Tourenportal Einzeletappen. Dabei lässt sich ja noch manch Highlight (und digitale Wanderstempelstelle) einbauen!

Werrmanns Spezialtour sieht vor, dass wir uns statt am offiziellen Wegstart in Rudolstadt-Schwarza im nahen Bad Blankenburg treffen, konkret am 200 Jahre alten Chrysopras-Wehr, benannt nach den unweit wenn auch vergeblich gesuchten hellgrünen Halbedelsteinen. „Andere Funkelfunde wurden und werden im Flusskies tatsächlich geborgen: Gold allerdings meist nur als winzige Körnchen“, erzählen die Werrmanns. Und von anderen (Bade-)Wonnen der Schwarza, etwa den Strudeltöpfen flussaufwärts. „Bei gutem Wasserstand ergeben die uralten Schiefersteinmulden whirlpoolartige Bassins.“

Berauschende Talblicke

Eine Erfrischung, die noch schöner ist, wenn man sie sich verdient hat. Also „Frisch auf!“, besser: frisch hinauf, denn schon bald zweigen die roten Dreiecke auf weißem Grund vom beliebten Uferweg ab und säumen einen Steig durch den Mischwald bis zum „Scheesenweg“. Auf dem beförderten Kutschen einst noble Herrschaften, Wein und Wildschweinfleisch zum im maurischen Ruinenstil gehaltenen Jagdschlösschen Eberstein. Ein erhabener Ort für rauschende Feste – und für eine Brotzeit. Allein die Lage auf dem Felssporn, 270-Grad-Blick auf die Schwarzaschlinge inklusive!

Gut gestärkt läuft es sich entspannt hangabwärts, vorbei an den Strudeltöpfen zum „Schweizerhaus“, eine der wenigen Gastrobetriebe am Weg. Der führt danach auf und ab bis Schwarzburg. „Diese zehn Kilometer gehören zu den schönsten Abschnitten des Panoramawegs“, meint Gunter. Und korrigiert sich sogleich: „Wobei: Eigentlich sind alle acht Etappen schön.“

Aussichtsreich, geschichtsreich

Wenn es einen Hauptort für die Schwarzataler Sommerfrische gab und gibt, dann hier. In DDR-Zeiten verbrachten in der Umgebung tausende ihre Ferien in historischen Sommerfrischehäusern. Ganz so hoch her geht es heute nicht mehr, aber mit Vorträgen, Musik- und Wanderangeboten sowie einem „Tag der Sommerfrische“ knüpft man an die goldenen Zeiten an. Apropos Geschichte. Friedrich Ebert unterzeichnete auf Schloss Schwarzburg am 11. August 1919 die Weimarer und somit erste demokratische Verfassung Deutschlands.

Das jahrhundertealte Schloss ist nach der Sanierung 2021 erst recht sehenswert, insbesondere der Kaisersaal und die über 5.000 Objekte umfassende Waffensammlung. Auch hübsch: Der Blick hinunter auf das Dorf und die den Burgfelsen umkurvende Schwarza. Und hui, was ist denn das Rote dahinten zwischen ausgedehnten Waldflächen und Wiesen? Die Werrmanns wissen Bescheid – „Die Fürstenkutsche!“ – und auch woher der Name kommt: „Mit Aufklebern, Infos und einem Quiz wird in der Schwarzatalbahn an die Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt erinnert.“

Hier wird die Zugreise zur Zeitreise

Im Stundentakt verbinden diese Züge acht Bahnhöfe – praktisch für Einheimische wie (Wander-)Reisende, die Kraft sparen wollen. Werrmanns Tipp: In Obstfelderschmiede aus- und in die Thüringer Bergbahn umsteigen, ein Identifikationssymbol für den Thüringer Wald. Und ein Rekordhalter. Mit 25 Prozent Steigung gilt die 1923 für den Personenverkehr eröffnete Standseilbahn als weltweit steilste zum Transport normalspuriger Eisenbahnwagen. Schade, dass die 17 Minuten hinauf nach Lichtenhain so schnell rum sind! Gute Nachricht jedoch: Nach einem Kurzbesuch im Maschinarium, das Einblick in die umwelt- und energiesparende Technik mit den beiden Wagen – einer davon fährt „oben ohne“ – gewährt, geht es auf der „Flachstrecke“ weiter.

Dort heißt es: Weitblick statt Talkulisse! In Cursdorf dann: Alle aussteigen! Zu Fuß erreichen wir in einer halben Stunde den 30 Meter hohen Fröbelturm, der eine Top-Aussicht über die „Höhendörfer“ gewährt. Errichtet wurde der „weiße Riese“ 1888 zu Ehren Friedrich Fröbels. Dem Erfinder des Kindergartens begegnet man, rein thematisch, ständig. Etwa in den Fröbelmuseen in Bad Blankenburg und Oberweißbach, seinem Geburtsort, im Fröbelwald samt XXL-Spielplatz und auf dem Fröbelwanderweg zwischen Bad Blankenburg und Keilhau.

Aufbruch zum Ursprung

Stichwort Wandern. Ein Highlight des Panoramaweges wollen wir unbedingt noch erlaufen: die an mäandernden Minibächen entlangführende Etappe von der Talsperre Scheibe-Alsbach zur Schwarzaquelle. Die liegt unterhalb des berühmten Rennsteigs, der auf den Kammhöhen des Thüringer Waldes verläuft. Die eingefasste Spaltquelle ist ein guter Ort, um sich erneut zu stärken. Und zu sinnieren: Was jenem gerade herausgesprudelten Wasser auf den 53 Kilometern bis zur Mündung in die Saale so widerfahren wird? Und: Was könnten wir heute noch Schönes erfahren?

Ein Abstecher zum Skulpturenpfad an der Trinkwassertalsperre Leibis/Lichte? Eine Stippvisite im „Haus der Natur“ in Goldisthal, das sicher nicht grundlos 2023 auf Platz zwei der beliebtesten Ausflugsziele in Thüringen gewählt wurde? Oder ab nach Katzhütte und via „Fürstenkutsche“ nach Rottenbach, dem „Bahnhof des Jahres 2020“! Erkenntnis vor Ort: Die Auszeichnung ist verdient, nicht nur in puncto denkmalgerechter Sanierung des Schmuckstücks, sondern auch wegen dessen innerer Werte. Der helle und moderne Bahn-Hofladen fungiert als Café, Bürgertreffpunkt und Minishop für regionale Produkte. Bei „Kaffee mit Satz“ und einem buttercremigen LPG-Kuchen hofft man geradezu, dass der Anschlusszug Richtung Erfurt Verspätung haben möge …

Olitätentradition
Vor rund 400 Jahren hat sich im Schwarzatal ein einzigartiges Gewerbe entwickelt, das sich der Herstellung von Olitäten widmet. Dabei sammelten kräuterkundige Frauen wildwachsende Bergschätze, aus denen Buckelapotheker kostbare Öle, Salben und Tinkturen kreierten, die sie auf dem Buckel durch die Lande trugen und verkauften. Und heutzutage? Da wird das Kräuterthema in Vorträgen, Kursen und Museen vermittelt – und im Olitätenwagen, der in den Sommermonaten auf der „Flachstrecke“ verkehrt.

 

 

Titelbild: ©Dominik Ketz, Regionalverbund Thüringer Wald e.V. 

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