Auf die Plätze, fertig, Kloß!

Mythos Rennsteiglauf

Der Rennsteiglauf ist nicht einfach nur Europas größter Volkslauf. Er ist eine kultige Mischung aus Wettkampf, Volksfest, Naturerlebnis – und echt Thüringer Spezialitäten.

Bei Kilometer 22 ist da plötzlich dieser Stein, der ihn fast straucheln lässt. „Konzentrier dich!“, ermahnt Michael Winter sich in Gedanken, richtet seinen Blick fest auf den Weg vor sich und setzt bewusst einen Fuß vor den anderen. Die verspiegelte Sonnenbrille hat er sich in die Haare geschoben; so kann er den leicht abschüssigen Waldboden besser erkennen und die Stolperfallen darauf – Baumwurzeln, Steine, Felsbrocken, Grasbüschel. Die Luft riecht intensiv nach Nadelholz und feuchtem Moos. Tief hat sich der Weg in den Waldboden eingegraben und bildet einen Hohlweg, der so schmal ist, dass die Männer und Frauen in den farbenfrohen Sportklamotten wie in einer Ameisenkolonie hintereinanderlaufen müssen.

Der Weg macht eine Biegung, dann noch eine, und plötzlich dringt nicht mehr nur das angestrengte Schnaufen der anderen an Michas Ohren. Auch Musik ist jetzt zu hören, die mit jedem Schritt lauter wird und sich mit Jubelrufen mischt. Und es duftet nach Thüringer Bratwurst. 

Typisch Rennsteiglauf, freut sich Micha, ein 25-jähriger Junior Account Manager aus Cottbus. Er ist einer von 10.149 Läuferinnen und Läufern, die an diesem sonnigen Mai-Samstag am 49. Rennsteiglauf im Thüringer Wald teilnehmen. Die Marathonstrecke führt auf dem Rennsteig, dem historischen Weitwanderweg durch den Thüringer Wald, von Neuhaus am Rennweg bis nach Schmiedefeld. Ein Laufevent, das sich in den vergangenen Jahren zu einem der größten und zugleich kultigsten Geländeläufe Europas entwickelt hat. Nicht nur wegen der Streckenführung mitten durch die Natur des Thüringer Walds, sondern auch, weil er in einer Reihe ganz unterschiedlicher Disziplinen angeboten wird, vom Super-Marathon über Halb- und Mini-Marathon bis hin zur Nordic-Walking-Variante. Und wegen der echt Thüringer Atmosphäre. Zum Beispiel an den Verpflegungsstationen.

Micha hat die Bratwurstwitterung aufgenommen. Er ist zum zweiten Mal beim Rennsteiglauf dabei, diesmal in der Marathondistanz von 42,26 Kilometern. Die kostet Kraft und Energie. Das Grillaroma führt ihn direkt zur Verpflegungsstation. Unter Zeltdächern warten Helfer, die die Marathon-Teilnehmenden mit dem Nötigsten für die nächste Etappe versorgen. Doch wo anderswo Energieriegel und Wasserflaschen verteilt werden, gibt es am Rennsteig Haferschleim mit Blaubeeren, selbst Schwarzbier wäre erhältlich. Dazu sorgt eine Blaskapelle mit Tuba, Trompete und Co. für neuen Schwung. Einige Zuschauende ergänzen das Klangspektakel mit Rufen und Pfiffen, andere stärken sich erst mal selbst mit einer Rostbratwurst. Schließlich fordert auch das Anfeuern seinen Tribut. 

Genau aus diesen Gründen liebt Micha den Rennsteiglauf: wegen des begeisterten Publikums am Streckenrand, der Musikbands, die unermüdlich für Stimmung sorgen, der helfenden Hände, die Wasserbecher und Verpflegung reichen, der freundlichen Gesichter der Polizei an den Straßensperren. Eigentlich steckt dem 25-Jährigen noch der letzte Marathon in den Beinen. Erst vor vier Wochen ist er in Portugal gelaufen. Normalerweise würden darauf ordentliche Regeneration und mehrere Monate strategische Vorbereitung für den nächsten Marathon folgen. Doch wer kann dem Locken des Rennsteiglaufs schon widerstehen? Micha jedenfalls nicht.

Die optimale Vorbereitung? Natürlich mit Thüringer Klößen

Am Vortag hat er sich deshalb pünktlich in der großen Sporthalle in Neuhaus am Rennweg zur Auftaktveranstaltung eingefunden. In der Halle reihten sich lange Biertisch-Garnituren. Unter einem Basketballkorb wurde frisches Bier gezapft, daneben wurden den Gästen gewaltige Portionen Thüringer Klöße, Rotkohl und Rinderrouladen auf den Teller gelegt. Wo sonst das Fußballtor steht, war eine kleine Bühne aufgebaut, auf der eine Partyband einen Hit nach dem anderen schmetterte. Viele Gäste sangen lauthals mit, auf den Rängen spielten Kinder Fangen, und vor der Bühne drehten sich fünf Mädchen eingehakt und lachend zur Musik im Kreis. Moment mal, Micha, wollt ihr alle denn nicht morgen einen richtigen, anstrengenden Marathon laufen? Micha lachte. „Am Abend vor dem Rennsteiglauf findet immer die Kloß-Party statt, das Äquivalent zur Pasta-Party anderer Marathons“, erklärte der junge Marathonläufer. „Alle kommen zusammen, unterhalten sich, stärken den Körper mit Kohlenhydraten und genießen die Vorfreude auf den Lauf.“

Von Knödeln und Gemeinschaftsgeist gestärkt und hochmotiviert präsentierten sich die Läuferinnen und Läufer am nächsten Morgen teils schon sehr früh am Start. Auch eine Blaskapelle brachte sich in Position. Arme kreisten, Beine wurden gedehnt; auch Micha machte sich warm. Dann stimmte die Blaskapelle den Schneewalzer an, der traditionell den Start des Rennsteiglaufs ankündigt. Lautstark sang das Startfeld mit – „… beim Schnee-, Schnee-, Schnee-, Schneewalzer kam das Glück, eins zwei drei …“–, bis das Startkommando ertönte und die Massen sich in Bewegung setzten.

Jetzt, wo er nach gut der Hälfte der Strecke an der Verpflegungsstation angekommen ist, fühlt sich Micha noch richtig fit. Weitere 20 Kilometer liegen vor ihm – viel Wald, blühende Bergwiesen, ein paar beschauliche Ortschaften. Mal geht es unter dichten Baumkronen dahin, mal unter blauem Himmel. Immer wieder steht Publikum am Wegesrand, feuert an, pfeift oder spielt Musik. Einige haben Campingstühle mitgebracht, andere läuten die berühmten Venter Glocken aus Floh-Seligenthal. Susi und Lisa, zwei junge Frauen, halten ein Bettlaken hoch, auf das sie „Domi Marathoni – The Flash aus dem Thüringer Wald“ gemalt haben. „Wir feuern unseren Freund Dominik an“, erzählt Susi lachend. 

Micha sehnt sich inzwischen nach Wasser und einer kalten Dusche. Nach vier Stunden und zwanzig Minuten ist er fast im Ziel. Erschöpft kämpft sich der junge Cottbuser die letzten Höhenmeter zum Zieleinlauf hoch, kann schon den Moderator hören, der die Teilnehmenden anfeuert, um auf den letzten Metern Stimmung zu erzeugen. 
Noch ein paar Sekunden, und auch Micha wird von Beifall und Jubel vom Streckenrand und aus dem Lautsprecher empfangen. In vier Stunden und dreißig Minuten hat er es ins Ziel geschafft und bekommt die verdiente Medaille umgehängt. Trotz aller Erschöpfung strahlt er vor Freude.

Was die größte Herausforderung war? „Bislang die 800 Höhenmeter“, sagt er atemlos. „Aber die größte Herausforderung wartet noch!“ 

„Im nächsten Jahr sind wir alle wieder da“ 

Wo? In der extra für den Rennsteiglauf erbauten Schmiedefelder Rennsteig-Halle. Punkt 18 Uhr beginnt hier die große Läuferparty, und es ist Kondition der besonderen Art gefragt. Die Partyband aus Neuhaus steht jetzt in Schmiedefeld auf der Bühne, und schon nach den ersten Takten steigen die Läuferinnen und Läufer auf die Bierbänke, schunkeln im Takt und singen laut mit.

Die Texte passen ja auch nur allzu gut: „So viele Freunde am Wege steh’n, in Schmiedefeld das Wiederseh’n“, klingt es unisono durch die Halle. Manche tragen noch ihre Trikots mit den Startnummern, andere haben eigene Shirts gestaltet: „Jedes Jahr, Mitte Mai, Rennsteiglauf, wir sind dabei“, prangt auf einem. Es wird Schwarzbier getrunken und Arm in Arm geschunkelt. Ein inniges Gefühl von Zufriedenheit und Ausgelassenheit liegt in der Luft, alle Stolperfallen des Tages sind vergessen und die Sportsfreunde, Micha eingeschlossen, singen im Chor: „Hei, hei, hei, ho, im nächsten Jahr, sind wir alle wieder do.“ Zum Rennsteiglauf Nummer 50. 


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