Schiller-Museum mit Wohnhaus

Schillers Allerheiligstes

Gerade einmal drei Jahre lebte Friedrich Schiller in seinem eigenen Wohnhaus in Weimar. Dennoch vermittelt die erste öffentlich zugängliche Memorialstätte eines Dichters in Deutschland tiefe Einblicke in die Lebensumstände und das Schaffen des enorm produktiven Künstlers. Vor dem Original-Schreibtisch könnte man beinahe ehrfürchtig werden …

In Schillers Wohnhaus, mitten in Weimars Zentrum an der ehemaligen Esplanade gelegen, scheint die Zeit um 1800 stehengeblieben. So als ob es Friedrich Schiller gerade erst verlassen hätte und im nächsten Moment zur Tür hereinspazieren könnte – das ist zumindest der Eindruck. Bettina Werche, bei der Klassik Stiftung Weimar als Kustodin für Goethes Kunstsammlung auch für Schillers Wohnhaus verantwortlich, weiß jedoch: „Manche Räume wurden nachträglich so gestaltet, sprich inszeniert. Und längst nicht alle Möbel sind Originale.“

Die promovierte Kunsthistorikerin vergleicht: „Es wurde bei Weitem nicht so viel Familienbesitz überliefert wie etwa bei Goethe.“ Die Zimmer galt es also zu füllen! Etliche Originalmöbel brachte man 1942 ins Konzentrationslager Buchenwald. Häftlinge mussten dort Nachbauten anfertigen, die wiederum im Wohnhaus landeten. „Die ursprünglichen Einrichtungsgegenstände wurden unerkannt ins bombensichere Depot geschafft“, so Werche. Fake oder nicht Fake? Das war selbst Jahrzehnte später noch die Frage. So wurde etwa Schillers Spinett bis 1998 fälschlicherweise als „Original“ präsentiert – wenn auch nicht in seinem Wohnhaus.

Alles in einem Raum: Schlafen und Schreiben

Eindeutig ein Original stellt der Schiller’sche Schreibtisch aus dunklem Obstbaumholz dar. Hier im Arbeitszimmer, dem Herzstück des Hauses, verfasste der Meister seine letzten Dramen „Die Braut von Messina“ und „Wilhelm Tell“. Anmutig auch das Drumherum: ein Tintenfass mit Schreibfeder, eine Tischuhr sowie ein Himmelsglobus und daneben das viel zu kleine, schlichte Fichtenholzbett. Das ließ Schiller sich ins Arbeitszimmer verlegen. Er war nämlich trotz äußerst schwacher Gesundheit geradezu schreibversessen. So mutierte das Arbeitszimmer am 9. Mai 1805 auch zum Ort seines Todes.

Diesen begünstigten, da ist sich die Wissenschaft einig, die im ganzen Haus befindlichen gesundheitsschädlichen Tapeten – Stichwort Arsen, Kupfer, Blei. Auf ein solches Original verzichtet man heutzutage gern. Auf die farbvollen und musterreichen Nachahmungen jedoch nicht, machen die doch den warmen Charme des Hauses aus. Für den sorgten auch Frau Charlotte und die vier Kinder, um die sich der Schriftsteller offenbar ebenfalls gut kümmerte (eigens erfundene pädagogisch wertvolle Spiele deuten darauf hin). Nach dessen Ableben mit gerade einmal 45 Jahren bewohnte die Familie weiterhin das Gebäude, bis es 1847 von der Stadt erworben und eine literarische Memorialstätte für Schiller eingerichtet wurde. „Wenn man so will, das erste deutsche Literaturmuseum“, so Werche.

Ode an die Freude: Einst und heute

Dessen Eingang befindet sich nicht mehr wie früher an der Esplanade, sondern im nach hinten versetzten, 1988 eröffneten Zusatzbau. Der wird vor allem für Sonder- und Wechselausstellungen genutzt. Und fungiert als Start des Rundgangs, der bald wieder ins eigentliche Wohnhaus führt. Ein schöner Empfang stellt da das XXL-Gemälde von Maximilian Stieler dar, das Schiller mit dem Musiker-Freund Andreas Streicher zeigt. Danach erinnern Exponate an den Aufenthalt in Bauerbach, wo er nach seiner Flucht aus Stuttgart Asyl findet. Im Anschluss fasst ein Raum Schillers Lebensstationen in Thüringen ab 1787 zusammen.

Bis er sich endgültig in Weimar niederließ, erfährt man auf Schaubildern und Tafeln, sollte es noch dauern. 1802 war es so weit, der Entschluss ist verbrieft: „Ich habe dieser Tage endlich einen alten Wunsch realisiert, ein eigenes Haus zu besitzen. Denn ich habe nun alle Gedanken an das Wegziehen von Weimar aufgegeben und denke hier zu leben und zu sterben.“ Damit meinte er jenes nun gelbliche Haus, das Besucher durch einen Mini-Innenhof betreten. In Erdgeschossräumen werden auf Screens Statements von Politikern, Jugendlichen und Künstlern zur Europahymne, deren Text „Ode an die Freude“ ja von Schiller stammt, präsentiert. 

Das Klassik-Duo: Schiller und Goethe 

In den oberen Etagen wird’s persönlicher, intimer, schillernder. Bilder und Büsten zieren Wohn- und Ess-, sowie Charlottes rekonstruiertes Zimmer, inklusive mit Tapete überzogener Eckschränke. Eine Kopie des wohl bekanntesten Schiller-Bildnisses von Anton Graff begrüßt Besucher im zweiten Stock, genauer: im Empfangszimmer. Es folgt das Gesellschaftszimmer, in dem Schiller in Gestalt einer Dannecker-Büste irgendwie anwesend wirkt. Hier wurden Freunde, Bekannte sowie prominente Gäste zu Lesungen und Diskussionen empfangen. Häufiger Gast: Johann Wolfgang von Goethe, mit dem Schiller ja eng befreundet war und mit dem er bis heute in einem Atemzug genannt wird, als Dream Team der „Weimarer Klassik“.

Derweil wird gerade in diesen Gemäuern deutlich, wie unterschiedlich die beiden waren. Auf der einen Seite Goethe: Staatsmann, emsiger Wissenschaftler, aus gutem Hause kommend, nie mit Geldsorgen konfrontiert. Und dort Schiller: oft kränkelnd, rast- und heimatlos, schreiberisch enorm produktiv. Was auch am wirtschaftlichen Druck lag. Immer wieder brauchte er Gönner, Geschenke, Bürgen. Und einen hohen Kredit, um das Haus 1802 für 4.200 Taler zu erstehen. Was sich rentiert haben dürfte, fand er hier doch endlich die nötige Ruhe für seine Arbeit.
 

Die Experimentierwerkstatt
Ebenfalls in Schillers Wohnhaus angesiedelt ist das „Studiolo“. In dieser offenen Werkstätte dreht sich alles um das Experimentieren mit historischen Materialien und Techniken. Da können Interessierte wie Goethe, Schiller und Co. mit Federkiel und Tinte schreiben, eine eigene Silhouette gestalten oder Farbexperimente machen. Ohne Anmeldung, ohne Kosten. Aber mit viel Spaß!

 

Titelbild: ©Florian Trykowski, Thüringer Tourismus GmbH 

Barrierefreiheit

TOP-Gastgeber in der Nähe

Hat euch der Artikel gefallen?

landingpage_kultur, markenbotschafter

Das könnte euch auch interessieren: