Erfurt macht blau

Auf der Krämerbrücke wächst Waid

Vor dem Geschäft von Rosanna Minelli auf der Krämerbrücke erblickt man die länglichen, grünen Pflänzchen, denen Erfurt im Mittelalter seinen Aufstieg verdankte. Aus ihnen blauen Farbstoff zu machen, war eine anstrengende und auch unappetitliche Angelegenheit. Die Pflanzen mussten gemahlen, zu Ballen geformt und getrocknet werden, bevor sie, um den Farbstoff zu gewinnen, auf den Dachböden der Waidhändler wieder angefeuchtet wurden. Nicht bloß mit Wasser, sondern mit Unmengen an Urin als Gärstoff, was dafür sorgte, dass es in der Stadt gehörig gestunken hat.
Färberwaid
Aus gelb mach blau: Schon zur Jungsteinzeit wurde aus Färberwaid blauer Farbstoff gewonnen. Damals existierte die Pflanze, die zur Familie der Kreuzblütler gehört, in den Steppengebieten Südosteuropas und Westasiens. Im Mittelalter wurde das Waid dann vor allem in Thüringen angebaut, den blauen Farbstoff exportierten die Händler bis nach England.

 

Rosanna Minelli zwischen Färberwaid Pflanzen ©Vera Dähnert, Agentur Gutes Zeichen

Doch diesen Umstand nahm man in Kauf, denn das Geschäft mit dem Färberwaid zahlte sich aus. Über viele Ländergrenzen wurde das kostbare Gut gehandelt und bescherte den Erfurtern Reichtum. Die prächtigen Kaufmannshäuser der Waidhändler schmücken bis heute die Stadt, auch wenn der Handel mit dem Färberwaid im 17. Jahrhundert einbrach, weil das überseeische Indigo den Markt eroberte. »Ich möchte, dass diese Pflanze nicht in Vergessenheit gerät«, sagt die aus Genua stammende Minelli, die ursprünglich als Restauratorin nach Thüringen kam. Darum baut sie das Waid nun wieder an und färbt auch damit. »Erfurter Blau« hat sie ihren Laden getauft, in dem sie blaugefärbte Schals, Tücher, Kissen und Babystrampler verkauft. Davor hat sie einen alten Kaugummiautomaten aufgebaut. Für zwei Euro kann man daraus Waidsamen »to go« ziehen. Minelli hat auch schon Waid-Workshops und Stadtführungen, die sich der Erfolgsgeschichte der Färberpflanze widmen, auf die Beine gestellt. Die Renaissance des Waids liegt ihr sehr am Herzen.

Erfurter Blau auf der Krämerbrücke ©Vera Dähnert, Agentur Gutes Zeichen

Theater Waidspeicher

In der Nähe des Domplatzes in Erfurt liegt das Theater Waidspeicher. Auch hier wurde früher aus getrockneten Blättern der Waidpflanze blauer Textil-Farbstoff gewonnen. Die erhaltenen Waidspeicher werden heute kulturell genutzt.

Dabei ist das Waid längst nicht die einzige Pflanze, von der das Glück der Stadt über viele Jahre abhing. Mit dem Pflanzenanbau, der Gartenkultur, dem Handel mit Blumen- und Gemüsesamen ist die Landeshauptstadt aufs Engste verbunden, ihren Titel als »Blumenstadt« trägt sie schon viele Jahrzehnte. In Erfurt wurde der moderne, erwerbsmäßige Gartenbau von Christian Reichart, einem geschäftssinnigen Juristen, erfunden. Mit dem egapark gibt es einen der beliebtesten Landschaftsparks Deutschlands, den im Jahr gut eine halbe Million Menschen besuchen, in ihm befindet sich auch das Deutsche Gartenbaumuseum. Und bereits 1865 wurde im historischen Teil des egaparks eine »Allgemeine deutsche Ausstellung von Produkten des Land- und Gartenbaues« auf die Beine gestellt. Keine andere deutsche Stadt eignete sich wohl kaum besser als Veranstaltungsort der Bundesgartenschau 2021 als Erfurt.

Blaudruckwerkstatt im Dürerhaus
Mitten in der Erfurter Altstadt kann man den Blaudruck, handgedruckt und mit Waid gefärbt, bei seinem Entstehungsprozess selbst erleben. Dabei wird Geschichtliches und Humorvolles vermittelt und Blaudruck in seiner Vielfalt gezeigt: traditionell mit Meterware und Tischwäsche bis modern, z.B. Loop-Schals.

 


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