Seite empfehlen:

Straßenmelodie

Stöbern, schauen, staunen: ein Bummel über die Lange Brücke in Erfurt.

Kleine, kunterbunte Welten für sich: Auf der Langen Brücke in Erfurt gibt es sie noch – individuelle, besondere Läden, die zu keiner großen Kette gehören – eine Wohltat. Wir nehmen Sie auf einen Spaziergang mit und stellen die zauberhaften Persönlichkeiten hinter den Ladenfassaden vor.

Manchmal öffnet der Klavierlehrer morgens die Tür, setzt sich an den Flügel und spielt. Etwas Eigenes, Selbstkomponiertes, eine dieser ruhigen, fließenden Melodien, die über der Straße zu schweben scheinen, schwerelos und sanft. Passanten bleiben stehen, schließen die Augen und halten das Gesicht in die Sonne. Kleine Kinder vergessen das Eis in ihrer Hand und schauen verblüfft. Die Geschäftsleute links und rechts und gegenüber kommen an die Tür und winken und lächeln sich zu. Philipp Hermann sieht das alles nicht, er sitzt ja konzentriert am Flügel in seinem Unterrichtsraum, der früher mal ein Laden war, aber seine Finger bewegen die Tasten, als spiele er für jeden Einzelnen da draußen und für alle zusammen. Als spiele er für die ganze Straße.

Die Lange Brücke ist eine von diesen typischen Erfurter Meilen, in die man nur kurz schauen will und in der man dann ewig herumtrödelt, den kompletten Tag und manchmal den nächsten noch mit. Was nichts damit zu tun hat, dass diese Straßen ewig lang wären (bei der Langen Brücke dreht es sich um vielleicht 300 Meter). Vielmehr liegt es an den kleinen, ausgefallenen Läden, an den Ateliers und Werkstätten und den Restaurants. Und ganz bestimmt auch an den Leuten. Vielleicht liegt es sogar vor allem an ihnen.

An jemandem wie Philipp Hermann zum Beispiel, dem Jazzpianisten und Klavierlehrer, der seine Unterrichtsstunden im Schaufenster gibt und sich in den Pausen auch mal selbst an den Flügel setzt.

Oder an Ornett Ragoschat ein paar Türen weiter: Rieslingliebhaberin, Bouquetkennerin und „Korkenzieherin“ (so heißt ihr Geschäft). Ragoschat ist derart vom Wein begeistert, dass sie einen im Handumdrehen für den Wein begeistert. Auch absolute Laien übrigens, die eigentlich nur eine heimische Flasche als Souvenir wollten und zu Hause dann wochenlang davon erzählen, wie sie umsorgt wurden: Das ist schon eine Type da in Erfurt, diese Korkenzieherin, die hat vielleicht Ahnung! Und, hat sie das? „Ich konnte schon als Kind gut riechen. Und Geschichten übers Essen hab ich auch schon immer gerne gehört. Jetzt erzähle ich die eben über den Wein.“

Das ist übrigens auch typisch für die Lange Brücke: Die Leute hier machen das, was sie gerne machen, und sie strahlen dabei eine Begeisterung aus, die ansteckt.

Wenn Maik Straubing Pasta kocht in seinem „alles passt da“, muss man ihm bloß ein paar Minuten dabei zusehen, um zu wissen: Die werden gleich super schmecken, die Spaghetti Carbonara (zu den Lunch-Varianten gehört auch eine namens „DDR“: Nudeln, Jagdwurst, braune Butter, Ketchup, Käse).

In Madame Pfleger’s Seifenlädchen erzählt Carolin Pfleger davon, dass sie ihren Seifen nach der Herstellung noch vier bis sechs Wochen Zeit zum Reifen gibt, bevor sie eine „Pink Sugar“- oder „Kai und Gerda“-Namensbanderole umgebunden bekommen.

Und man fragt sich plötzlich, warum man je in einen dieser schnöden Drogeriemärkte gegangen ist. Madame Pfleger lächelt, als verstehe sie das ebenfalls nicht. Und muss los. Zur Klavierstunde. Im Schaufenster nebenan.

Lothar Czambor ist auch schon ewig da. Antiquitäten und Restaurierungen, das Familienunternehmen existiert seit 1890, mittlerweile hilft Tochter Caroline Czambor mit, „müsste die sechste Generation sein“, meint Czambor. Art déco, Jugendstil und Bauhaus, darauf haben sie sich spezialisiert. Verkauft wird international, das Allermeiste online. Der Laden ist für die Restaurierungsaufträge wichtig, die Werkstatt gleich nebenan, in der arbeiten Sohn und Vater. „Ein Familienbetrieb“, sagt Lothar Czambor; er spricht das Wort vorsichtig aus, als solle es nicht kaputt gehen: Familienbetrieb.

Ein paar Schritte weiter auf der Langen Brücke gibt es sogar noch einen weiteren: „Margit Jürgel“, Damenmode, Schuhe und Accessoires. Die Namensgeberin hat ihn aufgebaut, die Tochter leitet das Geschäft, die Enkelin modelt für Fotos. Alle drei teilen eine Passion für Mode. Alle drei lieben die Lange Brücke.

Und warum heißt die Straße eigentlich so?

Weil sie über zwei Arme der Gera führt, den Bergstrom und den Walkstrom. Beide sind schmal, beide übersieht man schnell. Bis man abends vor dem Pier 37 sitzt („Thüringer Küche mit Charme“), das in einer alten Getreidemühle untergebracht ist: Dann plätschert das Wasser neben einem so laut, dass der Rest der Welt ganz weit weg zu sein scheint. Nichts vom Tosen der Stadt ist zu hören, nichts außer einer Klaviermusik. Eine dieser ruhigen, fließenden Melodien, die über der Straße zu schweben scheinen, schwerelos und sanft.

Tipp zum Stadtschlendern

Tipp zum Stadtschlendern

Neben der Langen Brücke können Sie eine weitere, berühmte Brücke in Erfurt besuchen: die Krämerbrücke. Diese lädt ein zu einem ausgiebigen Bummel, die besonderen Persönlichkeiten und Läden zu erkunden oder zum Krämerbrückenfest zu feiern. Lesen Sie hier Geschichten zur Krämerbrücke.

mehr
Mehr Infos zu Erfurt

Mehr Infos zu Erfurt

Wer die Landeshauptstadt lieber im Rahmen einer Führung erkunden möchte, der findet neben klassischen Touren durch die Altstadt auch viele Themenrundgänge. Mit dem iGuide oder dem VideoGuide in Deutscher Gebärdensprache lässt sich die Stadt auch multimedial entdecken.

erfurt-tourismus.de

Kommentare