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Schockverliebt in Stelzendorf – Die Pâtisserie Bergmann

In die Pâtisserie Bergmann haben wir uns letztes Jahr direkt verliebt. Wir wussten nicht, was auf uns zukommt, als wir den unscheinbaren Durchgang irgendwo in dem winzigen Dorf in der Nähe von Zeulenroda durchquerten. Was soll da schon so toll sein?
Mittlerweile weiß ich, was es ist:


1.    Ein zauberhaftes Café in einem liebevoll restaurierten Vierseitenhof. Mit zahlreichen Sitzecken, individuellen Möbeln, frischen Blumensträußen aus dem Garten und einer Atmosphäre, die dazu führen kann, dass man versehentlich nie wieder geht.
2.    Der Anblick einer Tortenvitrine, die in Paris oder Berlin nicht besser sein könnte. 5 - 10 Torten, die alle für eine Hochzeit taugen, reihen sich dort aneinander. 
3.    Doreen Bergmann. Die Inhaberin, die uns mit ihrer Herzlichkeit sofort begeistert hat.

Kein Wunder also, dass unsere Vorfreude vor Besuch Nummer 2 sehr groß war. Zwar haben wir im vergangenen Jahr jedem, der auch nur ansatzweise in Richtung Zeulenroda unterwegs war, diesen Ort empfohlen, aber selbst haben wir es bisher noch nicht geschafft, wiederzukommen.

Doreen Bergmann ist eigentlich Juristin, hat dann aber doch lieber ein Café in ihrem Heimatdorf eröffnet.

Foto: Mira Held

Bei Sonne im Hof, bei Regen im nicht weniger bezaubernden Innenraum.

Foto: Mira Held

Eine Süßspeise aus Mozzarella klingt erstmal seltsam, Künefe bietet aber die perfekte Balance aus Süße und Herzhaftigkeit.

Foto: Mira Held

Doreen gibt zu, dass ihre ausladende Dekoration nicht immer wirtschaftlich ist, aber dafür wunderschön.

Foto: Mira Held

Kuchen, Künefe und Torten-Kunstwerke

Es ist der perfekte Tag zum Kuchen essen. Den ganzen Weg von Erfurt nach Stelzendorf prasseln fette Regentropfen auf die Windschutzscheibe. Wunderbar, dass uns Doreen mit einer schönen großen Tasse Kaffee erwartet. Wir plaudern kurz über das vergangene Jahr. Über unseren letzten Besuch und über Wanderungen im Himalaya. Dann gehen wir raus und sammeln frische Eier aus dem Hühnerstall. Doreen, todesmutig mit einem Besen bewaffnet, ist bereit, uns notfalls vor dem Hahn zu verteidigen. Die Eier reichen zwar nicht für die Pâtisserie, aber die Hühner sind auch dankbare Abnehmer für anfallende Kuchenreste. Die restlichen Eier und auch die meisten anderen Zutaten bezieht Doreen von Lieferanten aus der Region.

In der Backstube herrscht derweil reges Werkeln. Doreen hat aktuell zwei Mitarbeiterinnen. Eine Freundin ihres Sohnes, die ihre eigentlich geplante Reise nach Australien wegen der Corona-Pandemie absagen musste und Astera. Doreen erzählt, wie gerne sie engstirnige Gästen darauf hinweist, dass es Astera aus Syrien ist, die am besten darin ist, die traditionellen Thüringer Blechkuchen zu backen. Ich kann es mir lebhaft vorstellen.

Flo bekommt derweil große Augen als er in den großen Backofen schaut. Darin stehen zwei große Formen mit Künefe, einer arabischen Süßspeise aus Mozzarella, Pistazien und Kadayif-Nudeln (Engelshaar), von der wir letztes Mal gar nicht genug bekommen konnten. Es spricht für sich, dass sich Doreen und Astera das gemerkt haben und extra für uns diese Köstlichkeit gebacken haben. So geht’s zu in der Pâtisserie Bergmann – mit richtig viel Liebe. Wir freuen uns tierisch.

Als nächstes werden wir Zeuge davon, wie Doreen aus lecker aussehenden Torten Kunstwerke macht. Es stehen bereit: frisch gepflückte Blüten aus dem Garten und eine große Schale voller Früchte. Zuerst ist die Verzierung einer Erdbeer-Joghurt-Torte dran. Der rote Guss bekommt zuerst kleine Tupfen mit rosa Buttercreme. „Buttercreme kann ja ganz schrecklich sein, aber ich mache immer Früchte mit hinein, dann wird es lecker und viel leichter“, erklärt Doreen. Wie zur Bestätigung reicht sie uns eine Probierportion und siehe da: Buttercreme mit Erdbeeren ist tatsächlich nur halb so schwer wie die klassische Variante.

Auf die kleinen rosa Spritzer kommen Erdbeeren, Brombeeren und Kirschen. Zum Schluss auch noch Rosen und Schafgarbe. Es sieht einfach toll aus. Ich bin ganz fasziniert davon, wie entspannt Doreen die Deko auf den Torten verteilt. Es rutscht mal etwas runter, einzelne Johannisbeeren kullern über den Kuchen oder die Erdbeeren sind ungleichmäßig groß. Ich würde panisch versuchen, alles akribisch zu machen und jeden „Fehler“ rückgängig zu machen. Doreen lässt die Dinge sein, wie sie sind. 

Perfekt unperfekt.

Foto: Mira Held

In der Pâtisserie lagern duzende an Backbüchern, aber viele der Rezepte sind auch selbst ausgedacht.

Foto: Mira Held

Ich trage heute die passende Torte zu meinem Outfit.

Foto: Mira Held

Ich weiß wirklich nicht, wer diesem Anblick widerstehen könnte.

Foto: Mira Held

Nächstes Mal probiere ich endlich auch den Streuselkuchen. Sieht der nicht wahnsinnig saftig aus?

Foto: Mira Held

Perfekt unperfekt - Mit Detailverliebtheit und Leidenschaft zu wahren Tortenkreationen

Ich überlege, ob das vielleicht eines der Geheimnisse der Pâtisserie ist: es ist unabsichtlich perfekt. Dadurch, dass hier jeder sein kann, wie er ist. Durch Doreens Entspanntheit mit jeder Situation flexibel umzugehen. Durch all die Stories von kleinen Katastrophen und spontanen Einfällen. Durch ernstgemeintes Nachfragen. Hier ist nichts hochgradig durchgeplant oder durchkalkuliert, stattdessen ist es voller Detailverliebtheit und echter Leidenschaft. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es auch zurück. Doreen stürzt sich waghalsig ins Abenteuer und bewältigt Hindernisse mit strahlender Offenheit. Genau das inspiriert mich an ihr.

Mit dieser kleinen Erkenntnis setze ich mich zu Flo an einen der Tische im Café. Doreen hat in der Zwischenzeit den Kamin angefeuert. Es ist zwar Juni, aber heute ist es empfindlich kalt in der ehemaligen Scheune. Ich kann mir gut vorstellen, wie gemütlich es an einem kalten Herbsttag in der Pâtisserie ist. 
Auf den Tischen warten Blumensträuße auf die Gäste, die am Nachmittag kommen werden. Es sind nicht nur Touristen, die das Café ansteuern, sondern auch viele Einheimische aus den umliegenden Dörfern. Auch die Bauarbeiter von der aktuellen Baustelle im Dorf kommen erst zum Mittagessen und wenig später mit ihren Müttern zum Kaffee.

Ich fühle mich wie ein Kind im Süßwarenladen als ich die Platte mit sechs verschiedenen süßen Köstlichkeiten betrachte. Erdbeer-Joghurt Torte, Rote-Grütze-Stracciatella, Granatsplitter, ein Törtchen aus Nüssen und salzigem Karamell, eine säuerliche Balsamico-Tarte und ein Klassiker aus der DDR, eine LPG-Torte.
Was soll ich sagen? Auch wenn ich nach der Hälfte schon mehr als satt bin, habe ich das gleiche Künefe-Problem wie letztes Jahr. Wie soll ich bloß aufhören zu essen, wenn es so unglaubliche lecker ist? Und das trifft nicht nur auf Künefe zu. Die Erdbeer-Joghurt-Torte ist eher wie ein Schichtdessert, denn sie hat fast keinen Boden, die Rote-Grütze-Stracciatella Torte schwabbelt appetitlich und ist von ekliger Gelatine-Festigkeit weit entfernt und die Balsamico-Tarte mit dunkler Schokolade ist ein köstliches Geschmacksexperiment. Die Torten und Kuchen sind nicht nur schön, sondern auch köstlich.

So mag es nicht verwundern, dass ich am Abend Zuhause auf meinem Sofa schon wieder Künefe nasche. Wir haben den Rest der für uns eingeplanten Form mitgenommen. Doreen erklärt, dass Astera, wie es in Syrien üblich ist, genau darauf achtet, was und wie viel ihre Gäste essen. Schließlich sind das wichtige Hinweise darauf, was sie als Gastgeber beim nächsten Mal vorrätig haben sollte. Ich möchte wirklich ganz unbedingt noch öfter Künefe in der Pâtisserie Bergmann essen und tue mit Vergnügen alles dafür, dass meine Begeisterung deutlich wird.

Infos in Kürze:

Die Pâtisserie Bergmann in Stelzendorf hat aktuell Mittwoch – Freitag von 12 – 16 Uhr geöffnet. Bald ist auch wieder das beliebte Frühstücksbuffet geplant. 
Aktuelle Infos zu den Öffnungszeiten (und Backrezepte) gibt es auf www.thueringen-verzaubert.de 
 

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