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Ein Sommerabend mit Napoleon

Die Legende besagt, dass Napoleons Armee die Kanone im Jahr 1806 aufgrund eines gebrochenen Rades im Tautenhainer Zollhaus zurückließ. Die Armee war auf dem Weg zur Schlacht bei Jena-Auerstedt und konnte den Ballast nicht gebrauchen. Der Gasthof, der dort später entstand, erhielt den passenden Namen und die Kanone steht auch heute noch im Garten.
Flo und ich besuchen heute den Traditionsgasthof „Zur Kanone“ in Tautenhain.
 

Zu Napoleons Zeiten wurde die Gaststätte als Zollhaus und Ausspanne genutzt.
Foto: Mira Held

Erinnerungen an der Wand der „Alten Stube“.
Foto: Mira Held

Im Kanonengarten lässt es sich ganz hervorragend eine Kaffeepause einlegen.
Foto: Florian Held

Seit 7 Generationen ist der Gasthof in Familienhand. Er durchlebte nicht nur den Durchzug von Napoleons Armee, sondern auch Kriege und die DDR. Heute hat Jana Sörgel das Sagen in der Gaststätte, doch die Geschichte ist allgegenwärtig. In der „Alten Stube“, die es seit beeindruckenden 100 Jahren gibt, sind die Wände von Bildern gesäumt: Fotos und Erinnerungen. Jana Sörgel hat viele Geschichten zu erzählen. Sie zeigt auf eine Urkunde „Die kommt von einer Frau, die während des zweiten Weltkriegs im Haus meines Vaters versteckt wurde. Ihre Familie hat als Dank einen Baum in Israel gepflanzt.“

Aber auch das ganz normale Dorfleben hat seinen Platz in der „Alten Stube“. Fotos vom Gesangsverein und von Jagdgesellschaften hängen nebeneinander und zeugen von Zeiten, in denen der Stammtisch noch der Wochenhöhepunkt der Tautenhainer war. Der Hauptraum nebenan steht ganz im Zeichen von Napoleon. Große Wandmalereien zieren den Raum und zeigen Szenen aus der Schlacht von Jena-Auerstedt. Jana Sörgel erzählt, dass sie die Künstler Gundel und Emil Sogor Jahre später zufällig in Südafrika wiedergetroffen hat. Mittlerweile sind sie aktiv auf einem Weingut nahe Kapstadt. Seitdem ist dieser spezielle südafrikanische Wein von der Karte des Restaurants nicht wegzudenken.

Statt uns im Restaurant niederzulassen, genießen wir heute lieber die unmittelbare Nähe der Kanone und gehen in den großen Garten des Gasthofes. Der Biergarten ist bei Tautenhainern genauso beliebt wie bei Touristen, die den nahegelegenen Städtekette-Radweg entlangfahren.
Bei Kaffee und hausgemachter Limonade fläzen wir uns in die gemütlichen Sessel des Kanonen-Lounge-Gartens und plaudern mit Jana Sörgel. Lange konnte sie sich nicht entschließen, ob sie die Familiengaststätte übernehmen wollte. Erst hat sie eine Ausbildung zur technischen Zeichnerin gemacht und dann studiert. „Mein Vater hat es ganz schlau angestellt: Er hat mich gefragt, ob ich ihm bei der Buchhaltung helfen könnte. Schließlich hatte ich Ahnung von sowas. Dann habe ich doch mehr geholfen und schließlich habe ich noch Hotelfachfrau gelernt.“ Trotzdem war sich Jana noch nicht sicher, ob sie zurück nach Tautenhain wollte und verbrachte zwei Verträge auf der MS Deutschland, dem Traumschiff. 
Erst nach diesen ausgiebigen Reisen war es dann doch so weit. 2007 übernahm sie die Gaststätte von ihren Eltern.
 

Ob Jana Sörgels Sohn eines Tages die Kanone übernimmt? Mal abwarten.
Foto: Florian Held

Während unseres Rundgangs liegen schon die ersten Forellen auf dem Grill.
Foto: Florian Held

Da ist sie, die Kanone. 
Foto: Florian Held

Wir machen einen kleinen Rundgang durch die Anlage. 29 Zimmer gehören zur Gaststätte. Die meisten werden aktuell renoviert und sollen ab Anfang August in neuem Glanz erstrahlen. Die Gäste sind gemischt. Oft finden Klassentreffen oder Familienfeiern in der Kanone statt, aber auch Geschäftsreisende und Touristen übernachten im Hotel. 

Als wir aus dem Hotelgebäude treten, zeigt Jana Sörgel auf die große Wiese. Hier findet jährlich das Kanonenfest statt. Beim beliebten Dorffest sind vom Musikverein bis zum Kinderzirkus zahlreiche Vereine mit von der Partie. Allen voran die „Lützower Uniformierten“, die die Ereignisse der Schlacht zwischen Napoleon und den Preußen zum Leben erwecken. Sie ziehen nicht nur durchs Dorf, um Fourage zu requirieren (Proviant zu erhalten), sondern schlagen auch ihr Biwak an der Kanone auf. 

Das Team der Kanone heizt zum Fest den Holzbackofen an und baut die Kanonen-Genussmeile auf. Es gibt frischen Kuchen, Handbrot und kühlen Federweißen aus dem Saale-Unstrut-Gebiet. Ein Gasthaus wie die Kanone ist ein wichtiges Bindeglied für das Dorfleben. Das zeigt sich auch am heutigen Abend. Es ist Donnerstag und das bedeutet im Juli und August: Forellen vom Holzkohlegrill.  Nach und nach trudeln die Gäste ein. Großfamilien, Geburtstagsgesellschaften, einzelne Männer und jüngere Paare. Alle finden ihren Platz im Kanonen-Garten, rund um das Grillhäuschen.

Wir sitzen gleich neben der Kanone und freuen uns über das schöne Wetter und die entspannte Atmosphäre. Auf der Speisekarte stehen viele typisch thüringische Gerichte. Von Soljanka bis Schnitzel „au four“ ist alles da. Aber es gibt auch schöne vegetarische Gerichte und außerdem wechselnde Themenwochen, in denen besonderen Wert auf Regionalität und Saisonalität gelegt wird.

Passend zur Jahreszeit genießen wir als Vorspeise einen frischen Salat mit gebackenem Ziegenkäse aus Altenburg. Getoppt wird der Salat mit einer großzügigen Portion Apfel-Feigen-Marmelade. So wird zwar jeder Anspruch an ein gesundes Abendessen zunichte gemacht, aber es schmeckt super. Und satt bin ich eigentlich auch schon.
 

Wie der Altenburger Ziegenkäse kommen viele der Zutaten im Restaurant aus der Region.
Foto: Mira Held

Do-it-yourself Bärlauchsuppe.
Foto: Mira Held

Im Holzlandkreis kommt die Forelle strenggenommen nicht vom Grill, sondern vom Rost.
Foto: Florian Held

Nach dem leckeren Lavendeldessert rollen wir nur noch nach Hause.
Foto: Mira Held

Dazu trinke ich eine weitere hausgemachte Zitronen-Limonade und fühle mich ausgesprochen sommerlich. Das Gemurmel der anderen Gäste erzeugt eine beruhigende Geräuschkulisse und alles ist sehr gemütlich. Flo nippt an seinem südafrikanischen Starlette blanc vom Weingut Allée Bleue. Natürlich steht sonst vor allem Saale-Unstrut-Wein auf der Karte, aber die Verbindung mit dem Künstlerpaar in Südafrika hat dazu geführt, dass dieser Wein nicht fehlen darf.

Die herzliche Servicemitarbeiterin bringt uns derweil den nächsten Gang. Eine Bärlauchcremesuppe zum „selber machen“. Das Gericht ist in einer Kooperation mit der Thüringer Tischkultur entstanden. Es funktioniert so: Serviert wird ein Glas mit heller Grundsuppe. Daneben steht ein Schälchen mit Bärlauchpaste. Der Gast kann dann selbst dosieren, wie kräftig die Suppe werden soll. Das Gericht löst einen kleinen Stolz aus. Natürlich hat man quasi nichts getan, aber irgendwie macht es doch Spaß. Und es schmeckt obendrein!

Als Hauptspeise folgt das Highlight: die Forelle. Janas Mann Lars steht höchstselbst am Grill und bereitet die Fische zu. Dazu werden Salzkartoffeln und Quark oder mediterranes Gemüse serviert. Ein super Gericht für einen Sommerabend. 

Obwohl wir schon sehr satt sind, gönnen wir uns auch noch ein Dessert. Wer kann nein sagen zu Crumble, sahniger Creme und frischen Kirschen? Wir jedenfalls nicht.
 

Infos in Kürze:

Das Restaurant Napoleon inklusive Kanonengarten ist Montag und Donnerstag von 17 bis 21 Uhr, Dienstag und Mittwoch von 11.30 bis 21 Uhr, Freitag und Samstag von 11.30 bis 22 Uhr und Sonntag von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

Infos zu den Themenwochen, Forellenessen oder Veranstaltungen gibt es online.

Die Kanone verfügt über 28 Zimmer, die über die Website buchbar sind.

Hier entlang für noch mehr Infos zu unserem TOP-Gastgeber
 

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Unsere Genussexperten

Unsere Genussexperten

Mira und Flo vom Blog "How To Gourmet" sind zwei waschechte Thüringer und Genießer durch und durch. Mit ihnen entdecken wir kulinarische Leuchttürme in Thüringen. GenussGeschichten, wo man auch hin sieht. Hier geht's zu ihrem Blog.