Theater als Herzschlag einer Stadt

Weimar

Seit Goethe und Schiller ist Theater ein wesentlicher Bestandteil von Weimars kulturellem Selbstverständnis – bis heute. Das Schöne: Von opulenten Faust-Inszenierungen im Deutschen Nationaltheater über leichte Stücke im intimen Rahmen bis hin zu Open-Air-Events im Grünen ist für jeden Geschmack etwas dabei. Theater-, Kultur- und Stadterlebnis lassen sich in Weimar einfach bestens vereinen.

Weimar, klar, das ist Klassik und Moderne, Bauhaus und Weltkulturerbe. Was es auch ist: großes Theater. Schließlich gehören die Bühnen des Deutschen Nationaltheaters, 1791 als Hoftheater von Johann Wolfgang von Goethe eröffnet, mit ihren Opern, Schauspielen und Konzerten zu den wichtigsten des Landes. Aber Theater stellt in der „Stadt der Dichter und Denker“ keine museale Disziplin dar, sondern einen „lebendigen Bestandteil des urbanen Alltags“, wie der neue Co-Intendant Valentin Schwarz findet. Zwischen historischen Fassaden, Parklandschaften und studentischem Leben – es gibt mit der Bauhaus-Uni und der Hochschule für Musik gleich zwei Lehranstalten vor Ort – entfaltet sich eine Theaterlandschaft, die Tradition nicht bewahrt, um sie einzufrieren, sondern um sie weiterzuerzählen. Das Deutsche Nationaltheater mit seinem repräsentativen Großen Haus – hohe Decken, kunstvolle Logen, prächtige Kronleuchter – ist dafür der sichtbarste Ort. Schon der am zentralen Theaterplatz befindliche Bau mit dem vielfotografierten Goethe-Schiller-Denkmal davor steht sinnbildlich für die Rolle, die Bühne und Öffentlichkeit in Weimar spielen. Hier wurde 1919 die Weimarer Nationalverfassung verabschiedet; ein politischer Akt, der Geschichte schrieb. Gleichzeitig war es das Haus von Goethe, der als Intendant den Anspruch formulierte, Kunst solle bilden und bewegen. Dieser Gedanke wirkt bis heute nach, in zeitgemäßer Form. „Mit alten Schätzen neues Theater machen!“, fasst der 36-jährige Schwarz den Anspruch des DNT zusammen. Ein weiterer: „Wir wollen mit unserem Spielplan möglichst viele verschiedene Menschen erreichen, insbesondere die, die noch nie im Theater waren.“

 

Wie das gelingen kann? Etwa durch neue Formate wie dem „Offenen Foyer“, welches das Theater zum Treffpunkt macht – tagsüber, kostenfrei, ohne Konsumzwang. Wer will, könne bei Kaffee und Kuchen plaudern, spielen, lesen, stricken oder Yoga machen und „quasi nebenbei Theaterluft schnuppern“. Oder Beispiel DNT-Salon, bei dem Gesprächs-, Lese- und Performanceformate oft kürzer und dialogischer ausfallen als beim klassischen Theaterabend. Partys, Filmnächte und Themenabende wenden sich schließlich speziell an Leute unter 30. 

Die Stadt als Bühne

Gleichzeitig ist der Spielplan fest in der Tradition verankert: Oper, Schauspiel, Ballett und Konzert – die Staatskapelle gilt als eine der traditionsreichsten in Deutschland – stehen nebeneinander, oft neu gelesen, oft überraschend aktuell. Auf der Bühne begegnen Klassiker wie „Faust“ oder „Wallenstein“ zeitgenössischen Stoffen, gesellschaftlichen Debatten und ästhetischen Experimenten. Theater und Klassik zeigen sich an den DNT-Spielstätten, zu denen auch die Weimarhalle, die Studiobühne und die Redoute zählen, als lebendige Kräfte, nicht als Pflichtprogramm.

Diese Verbindung von historischer Tiefe und gegenwärtiger Energie prägt generell das kulturelle Selbstverständnis der 65.000-Einwohner-Stadt. Zwischen Juni und August, wenn Theater hinaus in die Stadt und ins Grüne tritt, zeigt sich das besonders. Der „Weimarer Sommer“, seit Mitte der 2010er zum mehrmonatigen Festival ausgebaut, verwandelt Plätze, Parks und Industriebrachen in heitere Spielorte. Somit machen Open-Air-Aufführungen, Konzerte, Lesungen und performative Formate die Stadt selbst zum Szenenbild. „Da werden Orte mit Theaterkunst gefüllt, die gar nicht für Theater vorgesehen waren“, so Schwarz. Etwa das E-Werk an der Ilm, wo heuer von Anfang Juni bis Anfang Juli mit Molières „Der Menschenfeind“ ein barockes Sommerspektakel vor der einzigartigen Kulisse aus Industriearchitektur und Naturlandschaft inszeniert wird. Oder der Weimarhallenpark, der am 4. Juli zum Open-Air-Schauplatz einer Konzertnacht mutiert, bei der die Staatskapelle Weimar mit der Weimar GmbH kooperiert. Interessant ist auch das Stellwerk, entstehen doch in dem ehemaligen bahntechnischen Funktionsbau spartenübergreifende, teils recht experimentelle Produktionen. Schwarz fasst die Bandbreite zusammen: „Das Stadttheater wird zur Theaterstadt!“

Kunstgenuss in privater Atmosphäre 

Das DNT ist auch Partner des ab 2026 von einer neuen Intendanz geleiteten „Kunstfest Weimar“. Als größtes Festival für zeitgenössische Künste in Ostdeutschland holt es (Musik-)Theater und Installationen aus aller Welt an unterschiedliche Weimarer Orte von der Altstadt bis zum Park an der Ilm. Besucher „stolpern“ da quasi automatisch über Persönlichkeiten der Lokalgeschichte, von Bach über Herder, Wieland und Liszt bis Gropius. Ein ganzheitliches Stadterlebnis ergibt sich da fast von selbst. Erst Bauhaus-Museum oder Nietzsche-Archiv, dann ins Theater? Nichts leichter als das. 

So sind es nur wenige Gehminuten vom Goethe- zum Cranach-Haus, wo sich im „Theater im Gewölbe“ anschauen lässt, was man soeben museal erfahren hat. „Wir sind auf Goethe spezialisiert und spielen alles vom Werther bis Faust, auch mal mit humoriger, mal mit erotischer Note“, meint Oleg Keiler, Intendant des in Folge des Kulturhauptstadtjahrs 1999 entstandenen Theaters am Markt. Mittlerweile koordiniert er rund 500 Veranstaltungen in bis zu 30 Produktionen pro Jahr. Die klassisch-modernen Inszenierungen sind familiär – maximal drei Schauspieler, maximal 100 Zuschauer –, oft überraschend aktuell, immer nah am Publikum. „Eigentlich sitzt hier jeder in der ersten Reihe“, sagt Keiler und meint damit auch die luftigen Plätze samt Bistrotischen sowie die exzellente Akustik im Kreuzgewölbe. Noch ein Tipp gefällig, wo sich Stadtgeschichte und zeitgenössisches Theater verbinden lassen? Als Ausstellungs- und Veranstaltungsort schlägt das Palais Schardt inklusive Goethepavillon eine Brücke zwischen Literatur, Theater, Musik und performativen Formaten.

„Theater ist Leben!“

Garantiert goethe- und schillerfrei geht es hingegen im privaten „Galli-Theater“ zu. Der Kellerraum ist familiär, der Eintritt preiswert, der Inhalt leicht greifbar und humorbetont. Zu sehen ist in fast allen Produktionen Krispin Wich, sei es solo oder mit Partnerin. „Wir agieren mit einfachen Mitteln, sind aber mit Leib und Seele dabei“, erzählt der 72-jährige Theaterleiter, der auch unkonventionelle Wege einschlägt. Einen stellte Oberbürgermeister Peter Kleine zum 20-jährigen Jubiläum 2025 heraus: „Die Arbeit des Theaters bereichert auch Angebote für Kinder und Jugendliche zum Thema Sucht und Gewalt. Solch ein Engagement zeigt, dass Kunst nicht nur unterhalten, sondern auch stärken und helfen kann.“ Aus diesem Grund engagiert Wich sich auch als Klinikclown, gemäß seinem Credo: „Theater ist Leben, Theater ist Kommunikation!“ Ganz ähnlich sieht das auch Schwarz: „Theater ist kein Gebäude, sondern sind die Menschen.“ Die live zusammenzubringen sei wichtiger denn je, nicht zuletzt, um die Demokratie zu stärken.

Titelbild: © Florian Trykowski
 

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