Eine bemerkenswerte Zeitreise

Haus Schulenburg in Gera

Es gibt sie noch: Diese Orte, die beinahe ein bisschen zu schön sind, um wahr zu sein. Die wie aus einer anderen Zeit entsprungen wirken und ohne Mühe als Filmkulisse dienen können. Die die Vergangenheit in die Gegenwart holen und zu neuem Leben erwecken. Ein ebensolcher Ort ist das Haus Schulenburg, eine auffallend schöne Villa am Rand von Gera. Einst von Henry van de Velde für den Textilfabrikanten Paul Schulenburg und dessen Familie entworfen und erbaut, gilt das Gebäude heute als architektonisches Juwel. Doch dieser Umstand ist keinesfalls eine Selbstverständlichkeit.

Als der Psychiater und Förderer der Kunst Dr. Volker Kielstein Haus Schulenburg 1996 gemeinsam mit seiner inzwischen verstorbenen Frau Prof. Rita Kielstein kaufte, befand es sich in einem desaströsen Zustand. Jahre des Leerstands und massive Eingriffe in die ursprüngliche Baustruktur hatten ihre Spuren an Haus und der umliegenden Parkanlage hinterlassen, wenig erinnerte noch an die einst so glanzvollen Tage der Villa.

20 Jahre lang aufwändig saniert & restauriert

Doch genau sie waren es, die Volker Kielstein seit seiner Kindheit fasziniert hatten. Er wuchs ganz in der Nähe von Haus Schulenburg auf, spähte unzählige Male durch den gusseisernen Zaun in den verwilderten Garten und auf das prunkvolle Haus, das zu Zeiten der DDR eine medizinische Fachschule beherbergte. Nachdem diese nach der deutschen Wiedervereinigung aufgelöst wurde, kaufte Kielstein schließlich das Objekt und begann mit der Arbeit an seinem Lebenswerk.

 

Ganze 20 Jahre – von 1997 bis 2017 – wurde Haus Schulenburg umfassend restauriert und saniert, bis es wieder in seinen Original-Zustand versetzt werden konnte. Was genau das bedeutet, wird erst klar, wenn ihr das Gebäude betretet. Tatsächlich fühlt es sich beinahe so an, als würde Haus Schulenburg leben und nur darauf warten, seinen Gästen eine von unzähligen Anekdoten zu erzählen.

Dass die Villa so lebendig wirkt, ist selbstverständlich kein Zufall. Als das Ehepaar Kielstein mit der Rekonstruktion begann, war schnell klar, dass nicht nur das Haus an sich in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden sollte. Auch möglichst viele Details der vom belgischen Universalgenie Henry van de Velde entworfenen Inneneinrichtung – von der Tapete über Kunstwerke bis hin zu Möbelstücken – sollten als Originale zurück ins Haus Schulenburg gelangen und somit die visionäre Handschrift des facettenreichen Künstlers widerspiegeln.

Ein Haus, unzählige Geschichten

Und tatsächlich: Haus Schulenburg, 1914 erbaut für den Geraer Textilmagnaten, Orchideenzüchter und Kunstsammler Paul Schulenburg und dessen Familie, steht heute für eine einzigartige Verschmelzung von Geschichte, Architektur, Kunst, Design und Lebensart.

Durch die liebevolle und gewissenhafte Rekonstruktion hat das Meisterwerk van de Veldes, jahrzehntelang zweckentfremdet und anschließend dem Verfall übergeben, seine ursprüngliche Würde zurückerhalten. Fast scheint es so, als würde es sich nun dafür bedanken wollen – mit einer ebenso authentischen wie ästhetischen Atmosphäre und unzähligen Einzelheiten, die entdeckt werden wollen.

 

Der, der sie alle kennt, ist Volker Kielstein. Zu dessen liebsten Räumen innerhalb von Haus Schulenburg gehört das Musikzimmer. Dieses gilt als Gesamtkunstwerk van de Veldes und weist neben einer atemberaubenden Ausstattung eine Reihe erstaunlicher Exponate auf, darunter beispielsweise die originale Sitzgruppe, die 1938 als Aussteuer Schulenburgs jüngsten Tochter Adelheid nach Brasilien gelangte, 2006 zurück nach Gera kam und hier in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt wurde. Die außergewöhnlichen Möbel, die Henry van de Velde einst exklusiv für Haus Schulenburg entworfen hatte, waren zuvor im Besitz eines Münchner Sammler-Ehepaares. Dieses überließ Haus Schulenburg auch die berühmte Bronzebüste van de Veldes aus dem Jahr 1913. Van de Velde war Maler, Architekt und Designer und gilt als Wegbereiter des späteren Bauhauses.

Ein anderer Bereich des Gebäudekomplexes, der van de Velde-Bewunderer Dr. Kielstein besonders am Herzen liegt, ist die ehemalige Garage. Als Autoliebhaber besaß Paul Schulenburg stets mehrere Fahrzeuge und beschäftigte den Chauffeur Richard Müller. Da, wo früher Mercedes- und Maybach-Modelle standen und Müller mit seiner Familie lebte, findet sich heute ein Café mit besonderer Einrichtung. Das auffälligste Stück ist eine Sitzgarnitur inklusive Gepäckablage, die Henry van de Velde 1934/35 für die 1. Klasse der Belgischen Staatsbahn entwarf. Ergänzt wird dieses beinahe kuriose Kleinod durch ein Gepäcknetz, eine Notbremse und diverse Armaturen nach Entwürfen van de Veldes, die ebenfalls zur Sammlung von Haus Schulenburg gehören.

Meisterwerk mit internationaler Strahlkraft

Die einzigartige Handschrift des Belgiers ist in jeder Ecke des Hauses und auch in der umliegenden Parkanlage allgegenwärtig. Seien es imposante Eindrücke wie die Treppenanlage mit dem angeschlossenen Blumenzimmer und die offene Diele samt Kamin und Oberlicht, fein komponierte Wohnwelten wie das Arbeits- und Schlafzimmer oder der ebenfalls in seinen Originalzustand zurückversetzte Garten von Haus Schulenburg – der Facettenreichtum dieses Ortes ist schlichtweg überwältigend.

 

Und so überrascht es keinesfalls, dass die Villa Schulenburg nicht nur ein Henry van de Velde-Museum inklusive einer bemerkenswerten Sammlung von Buchgestaltungen des belgischen Tausendsassas beheimatet, sondern auch Sitz der Europäischen Vereinigung der Freunde Henry van de Veldes ist. In seiner Gesamtheit aus Gebäudekomplex, Ausstattung und Gartenanlage ist Haus Schulenburg nicht nur einzigartig, es gilt auch als das reifste Werk des Künstlers am Ende seiner deutschen Schaffensperiode und genießt international hohes Ansehen unter Expertinnen und Experten. Dies ist dem Ehepaar Kielstein zu verdanken, das für die leidenschaftliche Arbeit und seine Liebe zum Haus Schulenburg bereits mehrfach ausgezeichnet wurde.

Titelbild: Foto: © Florian Trykowski, Architektur: Henry van de Velde © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

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