Wandern mit Weitsicht

SaaleHorizontale

Die Sonne, die jetzt zum Abend doch noch mal unter den Wolken herausblinzelt, taucht Jena in ein zartes Rot. Plötzlich ist der Regen des Tages vergessen. Ein warmer Wind haucht kurz vorbei, von unten dringt die klare Stimme der niederländischen Sängerin Caro Emerald herauf, die an diesem Juli-Freitag am Theatervorplatz ihren Auftritt hat.

Und während im Café Stilbruch und den anderen netten Kneipen in der Wagnergasse langsam die Lichter angehen, schweift der Blick über die Häuser und Gassen auf die sich windende Saale und auf die Landschaft, die sich von allen Seiten in die Stadt schiebt. Auf die Kernberge, auf die Sonnenberge, auf das Hufeisen, auf den Jenzig, überall dorthin, wohin uns morgen und übermorgen ein wunderbarer Wanderweg führen wird: die SaaleHorizontale.

©Andreas Weise, Thüringer Tourismus GmbH

Doch noch stehen die Wanderer auf der Aussichtsplattform des JenTowers. Von hier oben ist das Panorama überwältigend. Und dafür braucht es nur 4,50 Euro und eine Minute mit dem Fahrstuhl. Einfach rauf und sich dann nicht satt sehen können an dieser Stadt. Wie in einem Himmelbett liegt sie da, ringsherum eine Hügelwelt, die sich wie dicke Daunenwäsche aufplustert. 150 Meter hoch steht der Turm, 1972 errichtet, mitten in der Altstadt. Nicht wirklich harmonisch eingepasst. Aber doch irgendwie ein Statement, ein modernes Ausrufezeichen, ein Symbol für den Aufschwung in dieser Region. Die zweitgrößte Stadt Thüringens mit ihrem hervorragenden Ruf als Hochtechnologiezentrum wächst, 111 350 Menschen leben hier, ein Viertel davon Studenten. Jugend, Dynamik, Fortschritt, Wissen, Lässigkeit. Man spürt, was einst die alten Studenten sangen: „In Jene lebt sich’s bene.“

©Frits Meyest, Thüringer Tourismusverband Jena-Saale-Holzland e.V.

Und rund um Jena läuft sich‘s prima. Die SaaleHorizontale, die sich 72 Kilometer lang um die Stadt schlängelt, ist ein herrliches Wandervergnügen. Vor allem eines mit Weitblick. Läuft man die Strecke von Süden, also vom Startpunkt in Lobeda aus, kann man schon bald wunderbare Aussichten auf Jena genießen. Insbesondere dann, wenn der Weg, wie zwischen Fürstenbrunnen und Studentenrutsche, ungeschützt und schmal ganz dicht an den steilen Muschelkalkhängen klebt. Dann liegt einem Jena zu Füßen und offenbart immer wieder ein eindrucksvolles Panorama. Gedämpft dringt der Großstadtlärm hinauf. Doch die Betriebsamkeit wirkt unbedeutend von hier oben. Man hat die Natur im Rücken. Das beruhigt. Aber bitte achtsam bleiben: Neben einem geht es sogleich steil runter. Da ist Trittsicherheit vonnöten. Ein bisschen Alpenfeeling mitten in Deutschland. Irgendwann verflüchtigt sich das Grundrauschen der Großstadt. Die Töne der Natur übernehmen das Kommando. Plötzlich ist man tief drin im Buchenwald und weit weg von Jena. Dann mal wieder ein lichter Schwarzkiefernhain, dann Wiesen, auf denen bis zu 30 Orchideenarten blühen, zwischendurch eine Pause im lauschigen Biergarten am Fuchsturm, und wieder das satte Grün der Buchenblätter. Anderer Geruch, anderes Licht, das Gefühl, Teil der Natur zu sein, stellt sich ein. Und auf einmal ragt erneut der JenTower zwischen den Bäumen hervor, kommt die Stadt wieder langsam zum Vorschein. So geht das die ganze Zeit: unterwegs zwischen Urbanität und Urwald.

©Martin Kirchner, Thüringer Tourismus GmbH

Auch das Etappenziel des ersten Tages liegt in diesem besonderen Spannungsfeld: das Jenzighaus. Von der Panoramaterrasse schweift der Blick in weitem Bogen über die Dächer von Jena, aber an die Rückseite der Traditionsgaststätte klammert sich schon der Wald. Leicht zugänglich ist das Jenzighaus nicht. Wer es erreichen will, der muss entweder die SaaleHorizontale laufen oder unten von der Stadt erstmal die gut 30 Minuten zu Fuß hinauf bewältigen. Denn mit dem Wagen fährt hier kaum einer hoch. „In den engen Kurven“, sagt Annette Goldstein, die Restaurantleiterin, „haben die Leute Angst um ihr Auto. Es gibt auch nur einen einzigen Taxifahrer, der sich hier rauf traut.“ Und natürlich das Personal, das aber auch weiß, wie die tückischen Kehren zu nehmen sind.

Und so ist das Jenzighaus auf seinem exponierten und doch abgelegenen Platz ein herrlicher Fluchtpunkt. Wo sich schnell Ruhe einstellt und sich die Sorgen verflüchtigen. Dabei hatte es lange Zeit verschlafen und vergessen auf dem markanten Bergrücken sein Dasein gefristet. Doch dann, im Winter 2011, habe ihr Chef das Gasthaus wieder zum Leben erweckt, erzählt Annette Goldstein und stellt den Kräuterbraten mit Thüringer Klößen auf den Tisch, direkt neben das Glas Apoldaer Glockenpils. Nur gut, dass das Bett, in das müde Wanderer fallen können, nicht weit weg ist. Vier nette Doppelzimmer warten im Obergeschoss.

©Jens Hausprung, Thüringer Tourismus GmbH

Frühstück um acht. Für die rund 25 Kilometer zu den Dornburger Schlössern, das Ziel dieses Wanderwochenendes, braucht man schon ein paar Stunden. Zumal die Saale-Horizontale an manchen Stellen auch mal für einen kurzen, aber heftigen Moment zur Vertikalen wird. Doch zuerst geht’s abwärts durch den Buchenwald nach Laasan, einem verträumten schmucken Sackgassendörfchen mit einem hübschen Fachwerkrathaus. Jena ist nun hinter den Hügeln verschwunden. Weite Wiesenwellen skizzieren das Land, wechseln sich ab mit dichten Wäldern. Beutnitz taucht auf, weiter geht’s über Streuobstwiesen zum felsigen Zietschgrund und rein in den Tautenburger Wald.

Die Wärme der Sonne dringt durch das Buchenlaub, die Schritte haben sich automatisiert, die müden Beine sind vergessen, Gedanken kommen und gehen, der Flow des Wanderns hat eingesetzt. Und dann plötzlich liegen sie vor einem, wie auf einem Präsentierteller, 90 Meter hoch über dem Saaletal, scheinen zu schweben: die Dornburger Schlösser. Östlich das Renaissanceschloss, wo Besucher das Wirken Goethes nacherleben können, westlich das Alte Schloss, das von der Kaiserpfalz Ottos I. erzählt, und in der Mitte, der Blickfang, das Rokokoschloss mit der höfischen Tafelkultur. Vier Hektar Park und Garten, gestaltet nach englischem und französischem Vorbild, verbinden die drei Gebäude zu einer majestätischen Achse. Die Zeit ist mittlerweile weit vorangeschritten. Abendsonne fällt auf die Welt. Die Rosenspaliere und Laubengänge an den Dornburger Schlössern werfen lange Schatten, die Stimmung wird romantisch.

©Jens Hausprung, Thüringer Tourismusverband Jena-Saale-Holzland e.V.

Das Tageswerk in den Knochen sitzt man auf den Mauern vor den Schlössern, unter einem das frische Grün der Weinberge, und schaut auf den Weg, den man hinter sich gebracht hat. Auf die Ruine Kunitzburg, das Jenzighaus, den Fuchsturm, auf die Sophienterrasse, auf die Schleifen der Saale. Ganz hinten am Horizont scheint der JenTower zu glitzern, liegt Jena im dunstigen Licht. Langsam lässt einen die Natur los, langsam kehrt die Zivilisation zurück.
 


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