Weimar ist eine Kulturmetropole im Taschenformat

Ein Gespräch mit dem künstlerischen Leiter Rolf C. Hemke, Kunstfest Weimar

Das Kunstfest Weimar ist einer der kulturellen Höhepunkte des Weimarer Sommers. International gefeierte Künstler treffen auf die junge, kreative Szene der Stadt und verwandeln die Straßen Weimars in eine ebenso pulsierende wie inspirierende Bühne. Im Interview gibt der künstlerische Leiter des Festivals, Rolf C. Hemke, spannende Einblicke hinter die Kulissen und verrät nebenbei, mit welcher Berühmtheit vergangener Zeiten er gern einen Kaffee trinken würde.

Rolf C. Hemke, geboren 1972 in Köln, ist Künstlerischer Leiter des Kunstfestes Weimar. Er studierte Rechtswissenschaften sowie  Germanistik und Philosophie und war zuvor als Festivalleiter und Kurator, Dramaturg und Kulturjournalist tätig.

Herr Hemke, das Kunstfest Weimar wurde bereits 1990 gegründet. Anfangs war es vor allem dem Wirken berühmter Weimarer Persönlichkeiten wie Schiller und Bach gewidmet. Über die Jahre und auch durch Sie als künstlerischen Leiter hat es eine konzeptionelle Neuausrichtung erfahren. Wie gestaltet sich diese und was möchten Sie damit erreichen?

Die von mir gewählte konzeptionelle Neuausrichtung ist eine Besinnung auf den Namen, aber ganz bewusst auch auf Aspekte verschiedener Konzeptionen meiner Vorgänger. Wir versuchen, das zeitgenössische künstlerische Schaffen über alle Disziplinen hinweg in seiner Vielfalt widerzuspiegeln, insbesondere mit Ur- und Erstaufführungen bedeutender Künstler.

Beim Festival stehen regionale und überregionale Tanz- und Theatergastspiele ebenso auf dem Programm wie verschiedene Konzertformate, Literatur, Film, bildende Kunst und Kunst im öffentlichen Raum. Das Kunstfest hat sich gegenüber allen Kunstformen geöffnet. Was ist gute Kunst für Sie?

Gute Kunst liegt im Auge des Betrachters. Hundert Zuschauer, hundert Meinungen. Ich bin auch nur einer davon, der aber das Glück hat, ein eigenes Programm zusammenzustellen. Bei den vielen Ur- und Erstaufführungen erleben wir Jahr für Jahr genauso viele Überraschungen wie unsere Besucher, deshalb ist es umso wichtiger, Künstler zu verfolgen, Konzepte zu diskutieren und zu vertrauen. Das ist eine langfristige Entscheidung, deshalb kehren manche Künstler auch immer wieder ins Kunstfest zurück. Nicht jedes Jahr, aber regelmäßig. Und so hoffen wir, dass auch das Publikum anfängt, diesen Künstlern zu vertrauen und gespannt zu sein auf die neuen Werke, das jährlich neue Programm.

In Weimar waren große Persönlichkeiten wie Goethe, Schiller und Bach zu Hause. Noch heute ist die Stadt Zentrum von Kunst und Kultur & Bühne, Thema und Hauptakteur des Kunstfestes Weimar. Inwieweit beeinflusst die Stadtgeschichte die Programm-Gestaltung des Festivals?

Man kann in Weimar kein Festival ohne die Stadt planen, ohne ihren Geist, ohne die großen Persönlichkeiten, die hier ihre Spuren hinterlassen haben und ohne die Stadt als Kulisse. Weimar ist ein einmaliger Ort und eine Kulturmetropole im Taschenformat. Zu Weimar gehört für mich aber neben Glanz und Gloria auch der tiefschwarze Schlagschatten der deutschen Geschichte, an den die Gedenkstätte Buchenwald bis heute erinnert. Insoweit ist das Themenspektrum, an dem man sich abarbeiten kann, Ideen entzünden kann, denkbar breit.

Nach dem ersten Corona-Lockdown 2020 ging das Kunstfest in die Offensive und traute sich, ein Programm in der neuen „Corona-Realität“ auf die Beine zu stellen. Wie bewerten Sie diesen Schritt heute?

Das Kunstfest 2020 war das einzige große Sommerfestival, das in Deutschland voll analog über die Bühne ging. Mit insgesamt 27.000 Zuschauern war es ein großer Erfolg und darüber sind wir immer noch glücklich. Es war der richtige Schritt am Ende des ersten Corona-Sommers, ein Zeichen für analoge Kunst und Kultur zu setzen. Das habe ich immer wieder gespiegelt bekommen. Letztes Jahr hat bei den Künstlern uns gegenüber in einem kaum gekannten Maße die Dankbarkeit überwogen, überhaupt analog arbeiten zu können.

Nach dem Blick zurück, lassen Sie uns in die Zukunft schauen: Thüringen rückt das Thema „Welt übersetzen“ 2022 in den Fokus – und zwar bezogen auf die Bereiche Bild, Musik und Sprache. Anlass ist Luthers Bibelübersetzung, die sich zum 500. Mal jährt. Würden Sie sagen, dass die Künstler Ihres Festivals die Welt ebenso „übersetzen“?

Ja, ich glaube man kann für jedes künstlerische Schaffen den Anspruch der „Weltübersetzung“ erheben, denn letztlich arbeitet jeder Kunstschaffende als Teil seiner Gesellschaft und verhält sich kreativ zu ihr, und sei es, dass er sich ihr schlicht verweigert. Das ist sozusagen auch ein extremer Ausdruck einer solchen Rezeption. Wir werden uns im kommenden Jahr aber auch konkret mit dieser Frage des Weltübersetzens oder Weltbegreifens in einzelnen Produktionen auseinandersetzen.

In Ihrer Laufbahn haben Sie sicher schon viele Künstler getroffen, die Sie besonders schätzen. Mit welchem Künstler aus der Vergangenheit würden Sie sich gern auf einen Kaffee verabreden und warum?

Es stimmt, in meiner Position ist man in der glücklichen Lage mit einigen der Künstler, die man besonders schätzt, tatsächlich mal einen Kaffee trinken zu können. Davon habe ich immer wieder Gebrauch machen können – und zufällig arbeiten davon auch einige für das Kunstfest. Historisch betrachtet gibt es einige Schriftsteller, mit denen ich mich schon gerne ausgetauscht hätte: Thomas Bernhard ist so jemand. Aber auch so eine historisch rätselhafte Figur wie William Shakespeare würde mich schon sehr reizen.  

Headerbild: Couac, ©cie Succursale


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