Die Herausbildung einer Ikone

Goethe – Tischbein – Warhol

Seit 1885 wird im Goethe-Nationalmuseum kontinuierlich zur Rezeptionsgeschichte der Goethe-Zeit gesammelt. Lange fehlte Andy Warhols Goethe-Porträtserie. Erfreulicherweise konnte diese Lücke 2017 geschlossen werden. Alle vier Köpfe sind nun in Weimar präsent und erweitern die Goethe-Ikonografie bis in die Moderne. Doch wie kam es zum Trio Goethe, Tischbein und Warhol?

Tischbein: Goethe zum Ersten

Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins monumentales Porträt „Goethe in der römischen Campagna“ ist das wohl bekannteste und am meisten verbreitete Bildnis des Dichters. Es entstand um 1786/87 während Goethes erstem Aufenthalt in Italien, wo er unter Führung und Anleitung des Malers die Kunstschätze Roms studierte und sich im Zeichnen vor der Natur übte. Ihrer römischen Wohn- und Arbeitsgemeinschaft setzte Tischbein mit dem ganzfigurigen Porträt des Dichters ein bleibendes Denkmal: Goethe erscheint als Reisender in einem weißen Mantel und Hut auf den Überresten antiker Kulturen ruhend in einer italienischen Landschaft.

Tischbeins eindrucksvolles Bildmonument verkörperte für viele das Idealbild des klassischen Dichters und wurde im Laufe der Zeit zu einer Ikone der Goethe-Verehrung. Goethe selbst hat das Bild nie vollendet gesehen, verwahrte in seiner Sammlung jedoch eine getuschte Entwurfsskizze.

In Weimar kann heute zudem eine kleinere Fassung des Bildes als aquarellierte Federzeichnung auf Papier bewundert werden – eine Gemeinschaftsarbeit der Künstler der römischen Wohngemeinschaft Goethes: Johann Georg Schütz, Friedrich Bury und J. H.W. Tischbein. Sie soll ebenfalls in Goethes Besitz gewesen sein. Das originale Gemälde befindet sich seit 1887 im Frankfurter Städel-Museum.

Warhol: Aus eins macht vier

Andy Warhol entdeckte den »Wanderer auf dem Obelisken« eher durch Zufall für sich als Motiv. 1980 führte ihn ein Porträtauftrag des Verlegers Siegfried Unseld, den er fotografieren wollte, nach Frankfurt. Seit den 1970er Jahren nahm der amerikanische Pop-Art-Künstler vermehrt Auftragsarbeiten an, für deren Ausführung ihm eigene Fotografien dienten. Warhol besuchte mit Unseld das Städel-Museum und soll von ihm angeregt worden sein, eine Variation von Tischbeins Gemälde zu erstellen. Der »Hofmaler der 70er«, wie Kunsthistoriker Robert Rosenblum Warhol bezeichnete, nahm den Auftrag an, fotografierte das Goethe-Gemälde und schuf im darauffolgenden Jahr ein erstes großformatiges Goethe-Bild auf Leinwand.

Im Jahr 1982 erschien dann die vierteilige Suite der Porträt-Serigrafien »Goethe« in unterschiedlicher Farbgebung. Die Serie wurde in 100 nummerierten Sätzen zu jeweils vier Siebdrucken veröffentlicht.

Obwohl es sich um eine Auftragsarbeit handelte, schien Tischbeins monumentales Bild prädestiniert fĂĽr Warhols Starporträts, die er seit den 1960er Jahren seriell in seiner "factory" anfertigte. HierfĂĽr reproduzierte der gelernte Grafiker Pressefotos prominenter Persönlichkeiten aus Unterhaltung, Politik und Kunst mithilfe des Siebdrucks und verfremdete sie durch den Einsatz schriller Farben.

 Warhol transformierte Tischbeins Goethebildnis durch seine unverwechselbare kĂĽnstlerische Handschrift in die Moderne. Er schenkte dem markanten Dichterkopf mit Hut die größte Aufmerksamkeit und löste ihn aus dem ursprĂĽnglichen Bildkontext des Landschaftsporträts heraus.

Bild: ©2022 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York | Klassik Stiftung Weimar, Alexander Burzik

In die Moderne katapultiert

Die fein abgestimmte, knallige Farbpalette verstärkt die suggestive Kraft der vier Varianten des ursprünglichen Tischbein-Motivs – steht man direkt vor diesen überlebensgroßen Drucken, so wird das Zusammenspiel der feintonigen Farben besonders deutlich: Goethes Kopf wirkt wie von einem Heiligenschein in leuchtenden Farben illuminiert. Mit den Konturen überzeichnete Warhol augenfällig den von Tischbein evozierten klassischen Habitus des Dichterfürsten und weist mit seiner unverwechselbaren Gestaltung, die sich an der Ästhetik der Konsum- und Werbewelt orientiert, über dessen Stilisierung Goethes hinaus.

Kabinett "Erinnerung"

Mehr Details zu Warhols Goethe-Serie und wo sie zu finden ist in Weimar? Hier geht es zum Blog der Klassik Stiftung Weimar. Svenja Gerndt nimmt euch mit auf einen Ausflug in die Kunstgeschichte sowie die thematische Einbettung der Portraits in die Dauerausstellung "Lebensfluten – Tatensturm" des Goethe-Nationalmuseums.

Durch die Verfremdung vorhandener Bildvorlagen, die serielle Fertigung und die Möglichkeit der nahezu unbegrenzten Vervielfältigung des Siebdrucks stellte Warhol charakteristische Merkmale künstlerischen Schaffens wie Subjektivität und Originalität programmatisch infrage. Mit der Überdimensionierung des Porträtausschnitts und der großflächigen, nur wenig differenzierten Gestaltungweise der Pop Art ist Goethes Kopf somit plakativ in Szene gesetzt.

Mit seiner Kunst schuf Warhol erneut einen Höhepunkt in der Wirkungsgeschichte von Tischbeins Goethe-Bildnis. Mithilfe des seriellen Siebdruckverfahrens und der knallbunten Farben der Pop Art ist es ihm gelungen, Goethe ins 20. Jahrhundert zu katapultieren und ihn im Bewusstsein breiterer Bevölkerungsschichten zu verankern. Zugleich reihte er den Dichter nahtlos ein in seine Porträtgalerie prominenter Zeitgenossen wie Marilyn Monroe, Elvis Presley oder Mao Zedong.

Auszug aus dem Blogbeitrag der Klassik Stiftung Weimar. Autorin Svenja Gerndt August 2018, Ăśberarbeitung Juli 2021.

Headerbild: Goethe-Nationalmuseum mit Goethes Wohnhaus in Weimar, ©Florian Trykowski, ThĂĽringer Tourismus GmbH


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