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Wilder Mix: Stelzenfestspiele - Das Lied vom Traktor

Die Stelzenfestspiele ganz im Südosten Thüringens sind das vielleicht schrägste Musikfestival Deutschlands. Zum Auftakt wird jedes Jahr die Landmaschinensinfonie in einer neuen Version uraufgeführt.

Über ein Wochenende, bei dem oft der Humor den Takt vorgibt.

Das Event hat viele Stammgäste. Die meisten reisen schon am Freitagmittag an, lassen sich von André auf der großen Wiese hinter der Festivalscheune einen Platz fürs Zelt, den Caravan oder das Wohnmobil zuweisen und holen dann bei Karola im Kartenhäuschen ihre Tickets. Dort steht man am besten zu zweit an, denn die Schlange ist beeindruckend lang – und so kann einer schon mal Thüringer Bratwürste holen oder belegte Brötchen vom lokalen Bäcker.

Gegründet hat das Festival der Gewandhausbratschist Henry Schneider aus Zeulenroda-Triebes. Bei der Landmaschinensinfonie führt er mit grauer Wuschelmähne und im Frack nicht nur sehr kurzweilig durchs Programm, er spielt bei den meisten Programmpunkten auch mit. Ab und zu moderiert „der Henry“, wie ihn hier alle nennen, auch kleine, charmante Pannen. Aber vielleicht sind die sogar Programm. Wer weiß das schon. Das Experiment gehört ebenso zur Sinfonie wie der Stilmix.

Die Sinfonie ist ein Potpourri aus Einzeldarbietungen, bei denen nicht nur Musiker des Leipziger Gewandhausorchesters, sondern eben auch Traktoren, Pflüge, Melkmaschinen, eine Gülleorgel und viele andere seltsame Gerätschaften ihren Auftritt haben.

Aber es ist auch absolut sehens- und hörenswert, was den Musikern und Musikerinnen in Stelzen alles einfällt. Da wird auf landwirtschaftlichem Gerät getrommelt, im Takt Schotter auf der Bühne hin- und hergeschippt. Die Gülleorgel jault und der Bogen fiedelt auf einer Säge. Und zwischendurch singt noch KFZ-Mechaniker Gerald Kaiser, der aus dem Vogtland kommt und sich das Singen selbst beigebracht hat, italienische Arien, sodass einem fast die Tränen kommen. Kann er halt. Macht er dann auch. Und alle lieben ihn dafür.

Ausstellung mit den Machern der Festspiele – den Leuten aus dem Dorf. Das halbe Dorf packt nämlich mit an in Stelzen bei Reuth. Auf den hinteren Teil des Namens legt man wegen der Parallele zu Bayreuth natürlich Wert – Reuth ist aber genau genommen einfach nur das Nachbardorf von Stelzen.

Fester Programmpunkt ist freitagabends außerdem ein Feuerwerk, zu dem nach der zweiten Landmaschinensinfonie alle zusammenkommen. Und Stelzen wäre nicht Stelzen, wenn das Event als Feuerwerk angekündigt wäre. Nein, um 24 Uhr gibt’s am Berg laut Begleitheft: „Sprengmeisters Nachtgesang“.

Ungewöhnliche Musikinstrumente geben hier den Ton an.

Man hätte sie bemerken können, vorhin, gleich beim Betreten der Festspielscheune. Die Melkmaschine hängt in der Mitte des riesigen Raums oben an der Decke und sieht aus wie ein überdimensionaler Kronleuchter. Zu leuchten beginnt das etwas monströse Teil aber erst jetzt, nachdem zwei Schmetterlingsmenschen auf hohen Stelzen zu Saxophonklängen ziemlich anmutig durch die Zuschauerreihen gestakst sind. Die Melkmaschine blinkt plötzlich, fährt auf und nieder, die Melkzeuge zappeln und rappeln über den Köpfen der Zuhörer. Sieht jetzt übrigens nicht mehr wie ein Kronleuchter aus, sondern eher wie eine sehr große, ferngesteuerte Krake. Ein Raunen geht durch die Scheune – obwohl viele dieses ungewöhnliche Musikinstrument bestimmt schon kennen. Es gehört seit vielen Jahren zum Orchester der Landmaschinensinfonie, die jedes Jahr in einer neuen Version zum Auftakt der Stelzenfestspiele im Osten Thüringens uraufgeführt wird.

Festival mit Kultcharakter.

Dieses Festival wäre ohne die Menschen aus der Region nur halb so schön. Und ohne das Drumherum: das zeltende Publikum, die Fressbuden auf dem Vorplatz, die wunderschöne Fernsicht über das Vogtland und begleitende Ausstellungen. Das Cross-over-Musikwochenende Ende Juni gibt es schon seit 27 Jahren, längst hat es Kultcharakter, wenn auch eher für ein Publikum 40 plus. Man kennt sich, trifft sich, picknickt miteinander, baut auf der Festivalwiese kleine Wagenburgen – und geht bis Sonntagabend gemeinsam ins Konzert. In der Festspielscheune auf dem Hügel oberhalb von Stelzen und unten in der Dorfkirche gibt es musikalische Darbietungen und Gastspiele von Jazz über Volksmusik und komplett schräg bis hin zu Klassik, von denen einige mit einem Augenzwinkern vorgebracht werden. Was nicht heißt, dass da nicht echte Profis am Werk sind.

Jetzt zum Beispiel spielt ein Saxophon – und der Traktor tuckert dazu. Kein Witz. Hayden Chisholm aus Neuseeland gibt dem Mann am Gaspedal klare Anweisungen per Handzeichen, er dirigiert quasi den Traktor: lauter, piano, da capo, leise ausklingen lassen. Bei diesem eindrucksvollen Stück, das romantisch bis melancholisch klingt, herrscht atemlose Stille in der Scheune. Die Landmaschinensinfonie ist mittlerweile so erfolgreich, dass es zwei Aufführungen gibt, eine am frühen Abend, die voll ist. Und eine am späten Abend, die noch voller ist. Die Scheune fasst etwa 1.000 Leute.

Abschlusstöne mit Knall und Krawall.

Noch sind wir nicht beim Abschluss des Programms mit „Sprengmeisters Nachtgesang“ angekommen. Jetzt ist bei dieser mal wieder ziemlich wild gewordenen Sinfonie erst mal der Schlusschor dran. Eben haben ein paar Stelzener ziemlich mutwillig auf ihren Geigen herumgekratzt, als ob’s Kreissägen wären. Jetzt schmettert eine Gruppe von Wandersleuten das Volkslied Waldeslust. Die zünftig gekleideten Herrschaften werden aber zunehmend von allerlei Zivilisationsgeräuschen und einer Maschine, die live auf der Bühne Holzscheite schneidet und auswirft, übertönt. Henry Schneider ist mal wieder mittendrin, spielt Bratsche und lässt Gasluftballons steigen. Die Gülleorgel leuchtet. Und die Melkmaschine darf auch noch mal rappeln. Musste ja so kommen. Ein humorvoll-kritischer Schlusston an einem ziemlich ausgelassenen Abend. Es darf natürlich mitgeschunkelt werden.

Alle Infos zu Terminen, Tickets und Programm gibt es unter www.stelzenfestspiele.de

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