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Der Schnitt mitten durchs Eichsfelder Herz

Wie eine Filmkulisse liegt Lindewerra im Tal zwischen Bergen. Durch die deutsche Teilung waren die Menschen hier lang wie vom Leben abgeschnitten. Doch jetzt schwingt sich ihre Brücke wieder über die Werra, und das Grüne Band lädt zum Wandern ein.

Sanft fließt die Werra dahin. An der Brücke mit den drei Sandsteinbögen in Lindewerra haben es sich Wohnmobilisten gemütlich gemacht. Wassersportler binden ihre Boote fest und schließen sich Radwanderern an. Alle haben ein Ziel: die Wirtschaft „Zur Alten Stockmacherei“. Gasthaus und Werkstatt sind Legende. In fünfter Generation biegt, glättet und lackiert Michael Geyer (49) das Rohholz zu Stöcken. Pilgerstöcke mit Lederschlaufe und Kompass sind derzeit begehrt. Geyer ist im Dorf der Letzte seiner Zunft. Das Handwerk hat er beim Vater gelernt, der nun gleich neben der Werkstatt in der Wirtschaft hinterm Tresen steht.

Wolfgang Geyer vermag nicht einmal grob zu schätzen, wie viele Stöcke er in seinem Leben gerichtet und gebogen hat. Doch der Stolz ist unüberhörbar, in einer langen Tradition zu stehen und den Ruf Lindewerras bis nach Paris, Zagreb und London, nach Tokio und sogar Bangkok getragen zu haben.

1836 brachte Wilhelm Ludwig Wagner die Kunst des Stöckefertigens mit ins Dorf. Er wusste, wie man aus Eichenschösslingen, die es in den Wäldern ringsum reichlich gab, Stöcke macht. Wagner zeigte, wie man das Holz kocht, trocknet, glättet, biegt, lackiert, beizt, flammt und dekoriert. 1915 gab es schon sechs kleine Betriebe mit acht Gesellen. Der Gehstock brachte Wohlstand in diesen Eichsfeldischen Zipfel. In all den Jahren seitdem gab es immer wieder neue Herren und neue Moden.

Doch bis heute ist der Stock ein – mittlerweile etwas kurioses wie einmaliges – Aushängeschild für das pittoreske Dorf Lindewerra.

Der Brückentraum wurde Realität

Jedes der Gebäude hier könnte eine Geschichte erzählen. Doch die der Brücke ist wohl die ergreifendste. Eine Möglichkeit, bequem über die Werra zu gelangen, war für die Bewohner Jahrzehnte nur Wunsch und Vision. Brachten Stockmacher ihre Ware zum Bahnhof auf die andere Flussseite, nahmen sie Umwege und allerlei Unbill in Kauf. Auch die Bauern, die ihre Felder auf Hessischer Seite bearbeiteten, bekamen nasse Füße. In Jahren zähen Ringens beschafften die beharrlichen Lindewerrscher schließlich 58000 Reichmark aus einem Fördertopf, und nach nur einem Jahr Bauzeit schwang sich 1901 eine gut 100 Meter lange, rote Sandsteinbrücke mit sechs Bögen über die Werra. Ein Traum war Realität geworden.

Das Schandmal am grünen Berg

Wie tief der Schock saß, als es in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges hieß, die abziehende Wehrmacht werde die Brücke sprengen, ist unvorstellbar. Man feilschte mit den Soldaten: Lasst uns unsere Brücke!, bot als Gegenleistung die begehrte Eichsfelder Wurst, versuchte Sprengdrähte zu kappen, umsonst! Am 8. April 1945 zerbarst in einem sinnlosen Akt der Barbarei die Brücke. Alle Hoffnungen um einen Wiederaufbau wurden zunichte gemacht, als sich in der Gemarkung von Lindewerra 1952 der Eiserne Vorhang schloss. Ein Schnitt mitten durchs Eichsfelder Herz.

Bürgermeister Gerhard Propf (52) hat das Grenzregime als Junge erlebt. Gut ist ihm noch das Schandmal am Berg in Erinnerung: über eine Breite von 70 Metern hatte man für die Grenzziehung eine Schneise in den Wald geschlagen und jegliches Grün ausgemerzt. Das Dorf verlor nahezu die Hälfte seiner Bewohner.

„Aber niemand dachte damals, dass das so lange dauern würde,“ erzählt der Bürgermeister. „Die Hessischen Bauern ließen unsere Bauern, die ihre Felder auf der anderen Seite des Flusses hatten, wissen, sie müssten sich keine Sorgen machen. Man wolle ihnen schon im Sommer die Kartoffeln mit hacken. Im Herbst, zur Ernte, könnten sie ja wieder selber kommen.“

"Ich hab' immer noch Heimweh"

Viel Wasser ist seither die Werra hinab geflossen. Still ist es am Fluss. Die beharrlichen Lindewerrscher haben ihre Brücke wieder zurück. Beim Blick vom Brückenbogen Nummer 2 hinüber zu Höheberg mit Junkerkuppe und Teufelskanzel erkennen nur noch Eingeweihte die alte Narbe, die von der ehemaligen Schneise herrührt. Die Wanderpfade am Hausberg von Lindewerra am „Grünen Band“, ehemalige Grenz- und Kolonnenwege, führen durch eine Landschaft von großer Schönheit. Über viele Jahrzehnte fanden in der zwangsweisen Abgeschiedenheit seltene Tier- und Pflanzenarten ein Rückzugsgebiet.

Hier kennen sich die Wanderführer Martin Schmidt und Markus Horn aus. Auch oben am Aussichtspunkt „Teufelskanzel“: Dorf, Fluss und Brücke liegen uns hier malerisch zu Füßen. Von oben ist der hufeisenförmige Bogen gut zu erkennen, den der Fluss an dieser Stelle schlägt. Einer Sage nach ist es der Fußabdruck des Teufels, der an diesem 450 Meter hohen, schroffen Felsen abgesprungen sein soll.

Im Gasthaus "Teufelskanzel" treffen wir Ursula und Detlef Bels. Die gebürtige Thüringerin wohnte bis 1974 ganz in der Nähe. Dann zog sie nach Potsdam. „Hier bin ich heute das erste Mal,“ erzählt sie bewegt. „War ja Grenzgebiet. So eine schöne Gegend! Ich hab' immer noch Heimweh.“ Wanderführer Martin Schmidt weist auf eine Info-Tafel am Rasthaus. Als der Lyriker Theodor Storm 1857 nach einer Wanderung die Teufelskanzel erreichte, schrieb er, „Lebens- und Liebeslust“, habe ihn „bestürmt“. Seine Eindrücke verarbeitete er in einer Novelle. „So hat er Lindewerra auch literarisch verewigt,“ sagt Markus Horn.

Steffi Schweizer

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