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Jüdisches Leben in der Gegenwart

Jüdisches Leben heute

„Das große architektonische Erbe und die lange Geschichte der jüdischen Gemeinde hier in Erfurt – das ist für mich etwas ganz Besonderes“, erzählt Rabbiner Alexander Nachama, der seit Herbst 2018 in der Neuen Synagoge am Max- Cars-Platz amtiert. Etwa 600 Mitglieder der Thüringer Landesgemeinde leben in Erfurt. Nachama feiert aber auch in Jena und Nordhausen Sabbat. Wie auch die christlichen Kirchen kämpfen die Juden in Thüringen gegen Mitgliederschwund. „Es fehlen vor allem junge Leute“, sagt Nachama, der mit Familienfesten und anderen Events für ein aktives Gemeindeleben wirbt. Viele nicht gläubige Juden in Thüringen interessieren sich zwar vielleicht nicht so sehr für die Gottesdienste, durchaus aber für jüdische Kultur in Thüringen. So sind auch sie indirekt der Landesgemeinde verbunden.

Neue Synagoge Erfurt

Heute bildet die Neue Synagoge wieder den Mittelpunkt einer lebendigen Gemeinde. Hier werden unter anderem die wöchentlichen Sabbat-Gottesdienste gefeiert, die auch nichtjüdischen Besuchern offenstehen. Auch in Jena und Nordhausen gibt es wieder jüdische Gemeinden. Erst seit 1990 wächst die Zahl der Juden in Thüringen durch Zuwanderung wieder an – vor allem aus der ehemaligen Sowjetunion. Während der 1950er-Jahre hatten viele Juden die DDR verlassen. Die Neue Synagoge in Erfurt blieb damals der einzige Synagogenneubau im Osten – errichtet auf dem Gelände der Großen Synagoge, die während der Pogromnacht im November 1938 zerstört worden war.

Ein Wort mit Prof. Dr. Reinhard Schramm

Prof. Dr. Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen. Im Interview spricht er über seine Wünsche an das Jubiläumsjahr, erzählt vom reichen jüdischen Leben in Thüringen und warnt vor den Gefahren eines wachsenden Nationalismus.

Herr Schramm, 2021 feiert Deutschland ein großes Jubiläum: 1.700 Jahre jüdisches Leben, denn ab 321 gab es die erste Gemeinde in Köln. Was bedeutet Ihnen dieses Datum?

Ich finde es wichtig, dass Juden und Nichtjuden hierzulande wissen, dass jüdisches Leben ganz selbstverständlich zu Deutschland gehört. In Thüringen sprechen wir eher von 900 Jahren jüdischer Kultur als von 1.700, aber auch das ist eine lange Zeit. Ab Herbst 2020 möchten wir das feiern. Es wäre gut, wenn uns allen wieder stärker bewusst würde, dass Juden in Deutschland über viele Jahrhunderte ihren Beitrag zu Religion, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft geleistet haben. Das ist in Vergessenheit geraten, da haben die Nationalsozialisten ganze Arbeit geleistet.

Warum hat Thüringen ein besonders reiches jüdisches Leben?

Erfurt lag an der Handelsstraße Via Regia, und das jüdische Leben wurde im Mittelalter stark durch Kaufleute geprägt. Schon damals waren die Juden es gewohnt, Grenzen zu überwinden und fremde Sprachen zu sprechen. Die heutige Landeshauptstadt hatte also eine günstige Lage. Und das jüdische Leben in Erfurt hat dann ins Umland ausgestrahlt,
von Berkach im Süden bis Nordhausen entstanden Gemeinden. 34 waren es vermutlich, heute haben wir immerhin wieder drei mit knapp 800 Mitgliedern.

Wie kann man das jüdische Erbe in Thüringen entdecken?

Die Alte Synagoge und die Mikwe in Erfurt sind spannend. Wer sich für das jüdische Leben heute interessiert, findet aber auch viele Anknüpfungspunkte: Man kann die
Neue Synagoge in Erfurt besuchen oder eine der vielen Veranstaltungen, die wir organisieren. Mit drei Festivals zur jüdischen Kultur haben wir in Thüringen mehr zu bieten als die meisten Bundesländer. Und während des Jubiläumsjahres wird es ganz besonders viel Programm geben. Wir planen ein großes Eröffnungskonzert, nach Möglichkeit im Festsaal der Wartburg. Eine wichtige Sache wird auch die Übergabe einer neuen Thorarolle Ende 2021 an uns sein – als Geschenk der evangelischen und katholischen Kirche. Diese Thorarolle wird jetzt zwei Jahre lang geschrieben. Ich freue mich, dass wir 2021 alle noch viel mehr jüdische Kultur erleben und Neues über die Geschichte der Juden hierzulande erfahren.

Welche Botschaft haben Sie angesichts des wachsenden Antisemitismus?

Die Welle des Nationalismus ist in vielen Ländern der Erde gewaltig groß – Deutschland ist da nicht außen vor. Der Schock über den Holocaust lässt nach; Nationalismus kehrt bis in die Mitte der Gesellschaft zurück. Das ist keine gute Entwicklung. Und Juden wissen, dass es bei erstarkendem Nationalismus nicht lange dauert, bis Minderheiten gefährdet sind. Auch der Antisemitismus ist meist eine Begleiterscheinung. Wir Juden sprechen aus, dass Gefahr besteht für die Menschlichkeit. Da werden wir von manchenals Störenfriede wahrgenommen.

Was kann jeder tun, dass es nicht wieder so weit kommt?

Ich glaube, dass es wichtig ist, nicht nur über die ermordeten Juden zu sprechen, auch wenn wir sie nie vergessen werden. Man muss zeigen, was für großartige
Leistungen Juden in und für Deutschland hervorgebracht haben. Ich wünsche mir, dass die Normalität jüdischen Lebens in Deutschland stärker ins Blickfeld gerät. Als
Landesgemeinde ist es unsere Aufgabe, dafür einen Rahmen zu schaffen. Aber wir pflegen auch enge Kontakte zu anderen Kirchen und den demokratischen Parteien.
Gemeinsam müssen wir uns gegen die wehren, die die alte Geschichte zurückholen wollen. Dafür ist es wichtig, dass das jüdische Leben gut in der Gesellschaft
verankert ist. Das Jubiläumsjahr kann dazu beitragen.

ACHAVA-Festspiele Thüringen

ACHAVA lädt ein zu interreligiösen und interkulturellen Dialogen, die sich von der Gedankenwelt jüdischer Prophetie, wie sie uns in den Schriften des Alten Testaments überliefert ist, inspirieren lassen. Dazu gibt es viele hochkarätige Konzerte und spannende Gesprächsrunden zu zeitgenössischen Themen.

> zur Website von ACHAVA

Foto: Stefan Kranz, Achava e.V.

Yiddish Summer Weimar

Teilnehmer aus aller Welt entdecken gemeinsam alte und neue jiddische Kultur in Weimar. Intensive Workshops in jiddischer Sprache sowie Tanz, Gesang, und Klezmermusik ermöglichen ein Eintauchen in die Kultur osteuropäischer Juden. Abends laden Jam-Sessions, gemeinsame Sabbat-Abende und Konzerte renommierter Künstler zum Feiern der Yidihkayt ein.

> zur Website des Yiddish Summers

Foto: Yulia Kabakova, Other Music Academy e. V.