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Himmlischer Hörgenuss

Die „Himmelsburg“ war die Kapelle des im 17. Jahrhundert erbauten Weimarer Stadtschlosses. 

Die architektonische Gestaltung der Schlosskapelle war einzigartig: Über dem Kirchenschiff erhob sich, durch ein Oberlicht mit dem Kirchenraum verbunden, eine Capella. In 20 Metern Höhe, über einem massiv verlängerten Altar in einer offenen Musikgalerie, stand die eigens für Bach umgebaute Orgel. Entlang der umlaufenden Emporenbrüstung waren Sänger und Instrumentalisten platziert.

Die gespielte Musik war Teil eines Aufstiegskonzeptes zwischen Erde und Himmel. Der Name „Weg zur Himmelsburg“ war damit sowohl architektonisch als auch akustisch zu verstehen.1

 

Akustik als Spiegelbild der Architektur

Die außergewöhnliche Architektur der Schlosskapelle beeinflusste maßgeblich den Raumklang. Mit ihrer akustischen Qualität hatte sie gleichermaßen erheblichen Einfluss auf das musikalische Schaffen Johann Sebastian Bachs. Der begnadete Komponist wurde 1714 in Weimar zum Konzertmeister ernannt und damit verpflichtet, alle vier Wochen eine Kirchenkantate auf den jeweiligen Sonntag zu komponieren.2

Für den ungewöhnlichen Kirchenraum mit einer quasi unsichtbaren Orgelempore schrieb Bach sämtliche Kantaten seiner Weimarer Zeit.3 Als erste erklang die Kantate „Himmelskönig, sei willkommen“ (BWV 182). Sie wurde am Palmsonntag, 25. März 1714 in der Weimarer Schlosskapelle uraufgeführt.4 Kompositionsaufbau sowie Tonsprache dieser Kantaten können erst in Kombination mit dem Raumerlebnis umfassend verstanden werden.5

Allerdings bleibt anzumerken, dass zum heutigen Zeitpunkt nur Mutmaßungen zum Aussehen der Himmelsburg getroffen werden können. Nur anhand weniger Gemälde, historischer Grundrisse und Vergleichsobjekte aus identischer Zeit lässt sich das Erscheinungsbild der Schlosskapelle im Ansatz rekonstruieren

Wissenschaftliche Fakten

#1 Architektur

Die Säulen des Pyramidenkanzel-Altars waren in Palmen ausgebildet, in Anlehnung an biblische Vorbilder aus Jerusalem.6 Altar und Kanzel bildeten eine zentrale Einheit. Die Emporen ermöglichten eine gute Sicht auf den Geistlichen und förderten damit eine gute Verständlichkeit der Predigt. Zudem begünstigten sie diffuse Schallreflexionen durch ihre raumstrukturierte Wirkung.7

Der Altar der Weimarer Schlosskapelle diente als Vorbild für zahlreiche Altäre der Region, z. B. in Tiefurt und in Niedergrunstädt. Unter dem Altar wurde die herzogliche Gruft gebaut.

Bild: Weimarer Schloss, ehemals Wilhelmsburg nach dem Brand vom 6. Mai 1774, ©Klassik Stiftung Weimar, Bestand Mussen, Künstler unbekannt , Foto: Olaf Mokansky 

#2 Räumliche Gestaltung

Die Schlosskapelle wurde symmetrisch und achsial geplant. Der Fußboden verlief vermutlich auf einem Niveau. Der Altarraum entstand womöglich beim Bau des pyramidalen Kanzelaltars mit der darunterliegenden Gruft. Als Geländer für die Emporen wurde gotisch gegliedertes Maßwerk verwendet. Ein schachbrettartig verlegter Natursteinboden wurde als Fußboden eingebaut.8

Bild: Schlosskapelle um 1660 mit Visualisierung (Foto: Anne Levin, Abbildung Himmelsburg: Christian Richter)

#4 Vergleichsobjekte I

Ein weiteres bedeutendes Beispiel der Thüringer Schlossbaukunst ist das Gothaer Schloss Friedenstein. Ab 1643 ließ Herzog Ernst der Fromme an Stelle der sieben Jahre vorher zerstörten Burg einen Schlossbau errichten. Die Schlosskapelle ist – wie auch in Weimar – in den Gebäudekomplex vollständig integriert. Gemeinsamkeiten sind in der wesentlichen Raumaufteilung zu erkennen: ein breites Hauptschiff und zwei kleine Nebenschiffe mit darüberliegenden Emporen. In Hinsicht auf Bestuhlung und Orgel sind ebenfalls vergleichbare Aussagen möglich. Das Balustergeländer der Orgelempore erinnert optisch an die Geländer der Weimarer Schlosskapelle.10

Foto: Bildarchiv Foto Marburg, Uwe Gaasch, Corpus Barocke Deckengemälde

#5 Vergleichsobjekte II

„In der Pfarrkirche St. Christophorus in Tiefurt bei Weimar ist ein Altar zu finden, der dem in der Weimarer Schlosskirche in einigen Punkten ähnelt. Die Kirche wurde in ihrem heutigen Zustand 1715-25 unter Verwendung baulicher Reste des Vorgängerbaues errichtet. Der Pyramidenkanzelaltar stammt vermutlich ebenfalls aus dieser Zeit. Geographische Nähe und gleiche Bauzeit erlauben einen Vergleich von Tiefurt und Weimar, wobei Größe, Ausstattung und Gestaltung des Altares der Dorfkirche in Tiefurt natürlich nicht identisch mit der Weimarer Schlosskirche sind.“11

Bild: Ursula Stark

Die Geschichte des Weimarer Stadtschlosses

Bei einem verheerenden Brand im Jahr 1774 wurde das Schloss mitsamt Kapelle vernichtet. Erhalten blieben einzig die Umfassungsmauern und historische Bauzeichnungen.12 15 Jahre später begann der Wiederaufbau.

Die gesamte bewegte Vergangenheit des Schlosses lesen: www.klassik-stiftung.de.

Gegenwärtig wird das Schloss saniert und den Besucherinnen und Besuchern schrittweise wieder zugänglich gemacht. Ab Ostern 2020 können bereits die Dichterzimmer im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Bis zur geplanten Fertigstellung vor 2030 wird es nicht nur eine völlig neu konzipierte Ausstellung geben, die bisher für die Öffentlichkeit unzugängliche Raumfolgen einbezieht. Als neue lebendige Mitte der Klassik Stiftung Weimar entwickelt sich das Schloss auch zu einem Besucher-, Debatten- und Vermittlungszentrum. Spannende Geschichten, die sich vor und „hinter“ den Kulissen im Schloss abspielten, sind nach der Wiedereröffnung ebenso erlebbar wie Diskussionen über aktuelle Zeitfragen.

Mehr zum Umbau lesen.

Johann Sebastian Bach in Weimar

Seine erste Anstellung erhielt Bach 1703 mit 18 Jahren in Weimar. Als Violinist war er in der Privatkapelle des damaligen Herzogs Johann Ernst III tätig.

Nach einer 5-jährigen Unterbrechung kehrte er als Kammer- und Hoforganist zurück. In der herzoglichen Kapelle konnte er sich künstlerisch und kompositorisch entfalten. Neben Vokalmusik schuf er Kompositionen für verschiedenste Instrumente und Besetzungen. Bachs herausragenden Fähigkeiten zeigten sich allerdings besonders bei Orgel- und Klavierwerken. Bekannt als Orgelvirtuose und -sachverständiger unterrichtete er in seiner Weimarer Zeit erste Schüler.

In 1714 erfolgte die Ernennung zum Konzertmeister. Hier begann seine Tätigkeit in der sogenannten Himmelsburg, der Weimarer Schlosskapelle. Bachs Verpflichtung war damit verbunden, monatlich neue Musikstücke für die Gottesdienste zu schaffen. Seine Kompositionen wandelten sich nun; er setzte sich stilistisch mit der am Hofe beliebten italienischen Konzertmusik auseinander. Bis Ende 1716 entstanden so 30 Kantaten. Die Texte hierfür stammten überwiegend vom Weimarer Dichter und Hofbibliothekar Salomo Franck.

Da Bach der soziale und finanzielle Aufstieg in Weimar nicht möglich war, nahm er 1717 eine Anstellung am Köthener Hof an.13

Weitere Infos zu Bach in Weimar.

Quellen

1 Vgl. Dr. Anselm Hartinger, Musikwissenschaftler und Musiker, Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig. 
2 Vgl. Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Sebastian_Bach#Weimar_(1708–1717). 
3 Vgl. Auszug Programmheft TBW, S. 12 i. V. m. Dr. Anselm Hartinger.
4 Vgl. Jörg Arnold, 2005, Diplomarbeit "Raumakustische Rekonstruktion der Schlosskapelle des Weimarer Residenzschlosses im Zustand von 1658 - 1774", S. 21.
5 Vgl. Dr. Anselm Hartinger, Musikwissenschaftler und Musiker, Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig. 
6 Vgl. Florian Scharfe, 2005, Rekonstruktion der Schloßkapelle im Weimarer Residenzschloß, Zustand 1658 – 1774, S. 10.
7 Vgl. Jörg Arnold, 2005, Diplomarbeit "Raumakustische Rekonstruktion der Schlosskapelle des Weimarer Residenzschlosses im Zustand von 1658 - 1774", S. 150.
8 Vgl. Florian Scharfe, 2005, Rekonstruktion der Schloßkapelle im Weimarer Residenzschloß, Zustand 1658 – 1774, S. 10.
9 Vgl. Jörg Arnold, 2005, Diplomarbeit "Raumakustische Rekonstruktion der Schlosskapelle des Weimarer Residenzschlosses im Zustand von 1658 - 1774", S. S. 69, 141, 150 ff.
10 Vgl. Florian Scharfe, 2005, Rekonstruktion der Schloßkapelle im Weimarer Residenzschloß, Zustand 1658 – 1774, S. 18.
11 Florian Scharfe, 2005, Rekonstruktion der Schloßkapelle im Weimarer Residenzschloß, Zustand 1658 – 1774, S. 20.
12 Vgl. Jörg Arnold, 2005, Diplomarbeit "Raumakustische Rekonstruktion der Schlosskapelle des Weimarer Residenzschlosses im Zustand von 1658 - 1774", S. 39-40.
13 Vgl. Jörg Arnold, 2005, Diplomarbeit "Raumakustische Rekonstruktion der Schlosskapelle des Weimarer Residenzschlosses im Zustand von 1658 - 1774", S. 19 ff.

Kommentare

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