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On the road again

Bauhaus fand nicht nur in den Universitätsräumen oder Werkstätten statt; es gab nicht nur die Verbindung von Kunst und Handwerk: Ein ganz besonderer Meister an der Kunstschule verband die Kunst mit der Natur und nutzte ebendiese als Inspiration und Outdoor-Studio. Lyonel Feininger, von Gropius ans Bauhaus berufen, schwang sich seinerzeit aufs Rad und erkundete das Weimarer Umland. Dabei fertigte er eine Vielzahl an Skizzen von Kirchen, Brücken und Orten an, die ihn faszinierten.

Seine Bilder wirken verklärt, romantisiert; Dorfansichten und Sakralbauten erhielten einen sanften Schleier, der sie umgibt. Feininger setzte sich hier mit der stetig fortschreitenden Industrialisierung auseinander.

Auf diesen Zug – besser gesagt dieses Rad – möchte ich aufspringen. Ich möchte mir die Originale zu Feiningers Werken anschauen und denselben Zauber verspüren wie er. Gemeinsam mit Maren und zwei Rädern geht’s auf den Feininger-Radweg.

Der Radweg

Der Feininger-Radweg umfasst ca. 30 km und zieht sich durch den südlichen Teil des Weimarer Landes. Die Strecke verbindet mehrere Lieblingsmotive Feiningers miteinander. Die überschaubaren Dörfer entlang der Strecke sind kaum mehr als 500 Seelenörtchen. Glasaufsteller an den einzelnen Stationen bilden Feiningers Arbeiten ab, die neben dem jeweiligen Original stehen. Sie geben den Blick direkt darauf frei und füttern Interessierte mit ein paar Informationen. Abseits des Radweges, aber im Weimarer Land, findet ihr weitere Aufsteller, welche die Werke des Bauhaus-Meisters vorstellen.

Ehrlich gesagt, bin ich kein Radsport-Profi, weshalb ich mir ein paar Orte herauspicke und nur einen Teil der Strecke befahre. Maren und ich machen Halt an sechs Locations entlang des Weges. Also Räder satteln und ab.

Die Tour beginnt

Wir beginnen unsere Tour in Mellingen. Die Sonne begleitet uns heute zwar nicht, aber zum Radeln ist das Wetter angenehm.

Wir sehen ihn schon von Weitem: den Feininger-Turm. Er ist aus Stahl gefertigt, durch seine Farbgebung aber alles andere als trist. Neben der Bauhaus-Kolorierung ziert das Objekt noch Grün und Schwarz. Der Turm ist angelehnt an Feiningers Abbildung der Kirche in Mellingen. Das lässt sich ganz gut anhand des Aufstellers nachvollziehen, denn hier ist Feiningers Zeichnung zu sehen. Rund um den Turm finden wir weitere Informationstafeln zu Ausflugstipps im Weimarer Land, die über das Bauhaus hinaus gehen.

Unser Weg führt uns weiter nach Oettern. Neben der idyllischen Landschaft ringsherum verliebe ich mich sofort in das Örtchen. Fachwerkhäuser, gepflasterte Gässchen, alte Mauern, viel Natur – die Zeit scheint angehalten. Schon jetzt erschließt sich mir, was Feininger so reizte.

"Die Dörfer, wohl über Hundert, in der Umgebung sind prachtvoll! Die Architektur [...] ist mir gerade recht, so anregend, zum Teil so ungemein monumental! Es giebt (sic) Kirchtürme in gottverlassenen Nestern, die mit das Mystischste sind, was ich von sogenannten Kulturmenschen kenne!"

(Lyonel Feiniger zit. nach: Luckhardt, Ulrich: Lyonel Feininger, München 1989, S.34 f.)

Die Kathedrale der Zukunft

Nächster Stopp ist Vollersroda. Die dortige Kirche wurde in 1775 erbaut. Insgesamt fertigte Feininger vier Bilder der Kirche an. Die Hauptattraktion ist allerdings der Sakralbau in Gelmeroda, die sogenannte Feiningerkirche. Hier ist auch unser nächster Halt. Berühmt wurde sie, da sie als Inspiration für „Die Kathedrale der Zukunft“ diente. Diese Kathedrale ist auf dem Titel des Bauhaus-Manifests zu sehen. Über 100 Mal zeichnete er das Gebetshaus. 1999 erhielt die Kirche eine Lichtinstallation. Mit dieser wird sie zur Lichtskulptur Gelmeroda. Nachts verwandelt sie sich durch gedämpftes Licht – blau und grün – in ein lebensgroßes Feininger Gemälde. Ich kann mir gut vorstellen, dass vor allem der spitze Kirchturm ein Grund für die Faszination des Bauhaus-Meisters war. 

Feiningers „Kathedrale der Zukunft“ stand als Sinnbild für die Idee hinter dem Bauhaus – die Wiedervereinigung der Künste; nicht nur dekorativer, sondern auch handwerklicher Art. Gotische Bauhütten waren damals zuständig für das Errichten von Sakralbauten und hier arbeiteten Handwerker sowie Künstler gemeinschaftlich. Daran sollte sich orientiert werden. Und so verband die Lehre am Bauhaus genau diese Künste und Gewerke wieder.

Mehr Infos zur Bauhaus-Idee lesen.

Das Innere der Kirche ist sehr modern und zurückhaltend gestaltet. Gegenüber dem Altar wartet eine kleine Feininger-Ausstellung. Hier hängen einige von Feiningers Werken der Gelmerodaer Kirche und anderer Objekte. Informationen zum Bauhaus-Meister selbst finden sich hier auch. Als Erinnerungsstück könnt ihr eine Postkarte mit Motiv der Kirche mitnehmen und dafür einen Unkostenbeitrag dalassen.

Kleiner Bonus: Ganz aufmerksame Besucher erhaschen draußen einen Blick auf eine Miniatur-Nachbildung der Feiningerkirche ganz in der Nähe des Originals – also, Augen offenhalten!

Treffen mit Feininger persönlich

Die letzte Kirche besichtigen wir in Niedergrunstedt. Leider ist diese mit einem Gerüst eingedeckt, als wir sie besuchen. Nichtsdestotrotz ist die Kirche schön anzuschauen. Auch hier versprühen rundherum alte Gemäuer und Fachwerkhäuser ihren Charme aus vergangenen Jahren.

In guter Gesellschaft ist sie allemal: Direkt nebenan befindet sich das HOFATELIER. Der hier ansässige Kunstverein zeigt auf dem Gelände einer ehemaligen Schule nicht nur kleine Ausstellungen eigener Künstler; verschiedene Schülerangebote, auch zum Thema Feininger, laden zum Mitmachen ein. Ab dem 2. November 2019 gibt es hier ein Bauhaus Triptychon zu sehen. Also plant auf eurer Tour einen Halt ein.

Auch wer hier achtsam den Weg entlang radelt, findet eine Miniatur: Diesmal entdecken wir einen kleinen Feininger, der am Wegesrand hockt und zeichnet.

Letzter Halt

Sein Ende findet unser Ausflug am Geburtstort des Bauhauses in Weimar. Genauer gesagt sind wir in Oberweimar. Von der Steinbrücke, welche hier über die Ilm führt, entstanden neun Bilder aus Feiningers Feder. Eines wird in der Washington University of Arts ausgestellt. Feiningers Werke findet man heute weltweit.

Das liegt unter anderem daran, dass Feininger, gebürtiger Amerikaner, 1937 wieder in die USA zurückkehrte, da seine Kunst unter dem NS-Regime als entartet galt.

Nachdem die Nationalsozialisten 1932 das Bauhaus in Dessau schlossen, emigrierten viele bekannte Künstler in die USA und auch nach Israel. Sie bauten u. a. in Chicago und Tel Aviv Häuser, die auch Deutschland gut zu Gesicht gestanden hätten. Laszló Moholy-Nagy selbst führte das Konzept des Bauhauses ab 1937 im amerikanischen Exil als New Bauhaus in Chicago weiter (heute das Illinois Institute of Technology, kurz IIT). Das Experimentierfeld des damals noch jungen Mediums der Fotografie erfuhr durch die Emigration in die USA große Bedeutung. Der Begriff "bauhausy" verbreitete sich dabei rasant in den Vereinigten Staaten. Viele Bauhaus-Protagonisten machten die Ideen des Bauhauses weltberühmt.

Um denselben Blick auf die Brücke zu werfen wie Feininger, begeben wir uns auf das Gelände des Deutschen Bienenmuseums Weimar. Neben Hofladen und Café gibt es einen kleinen Bienenweidegarten. Vom Ufer der Ilm aus begutachten wir die Steinbrücke. Unseren Ausflug lassen wir bei einem Getränk ausklingen und nehmen Platz inmitten des Gartens.

Eine gute Gelegenheit, um das Gesehene und Erlebte Revue passieren zu lassen. Nicht nur Feiningers explizite Motive wie die Kirchen entlang des Weges; vor allem die kleinen Ortschaften und die Natur haben einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Solche Anblicke entschleunigen. Fernab großer, moderner Städte erden sie und rufen zum Entspannen auf.

Sportlich Ambitionierten und Naturliebhabern empfehle ich damit, auch einen Blick abseits des „urbanen“ Bauhauses zu riskieren.

Vanessa

 

(Falls nicht anders gekennzeichnet, Fotos: ©Dominik Saure, Thüringer Tourismus GmbH.) 

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