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Der gute Ton.

Die Geschichte keramischer Werkstoffe reicht mehrere tausend Jahre zurück. Klar, dass sich auch die Bauhäusler vor 100 Jahren mit Keramik befassten. In ihrer Werkstatt in Dornburg entwickelten sie unter einfachsten Bedingungen eine neue Gefäß-Ästhetik. Heute ist die Werkstatt bundesweit die letzte erhaltene Bauhauswerkstatt mit originaler Ausstattung. Anlässlich des 100. Bauhausjubiläums wird daraus ein kleines Museum.

Ein Selbstversuch an der Töpferscheibe soll zeigen: Habe ich den Dreh raus? Wie das ausgegangen ist und was Bauhaus-Keramik eigentlich auszeichnet, erfahrt ihr hier. Ausstellungs- und Veranstaltungstipps gibt es on top.

Ein Handwerk mit Tradition

Bei meinem Experiment unterstützt mich der Töpfermeister Bernd Reindel aus Erfurt. Gemeinsam mit seiner Frau Ulla betreibt er die Fayence- und Porzellanmanufaktur Reindel, die bereits seit 42 Jahren besteht. In ihrem Ladengeschäft auf der Krämerbrücke in Erfurt gibt es alles, was das (Keramik-)Herz begehrt: funktionales Geschirr in verschiedenen Dekoren, Küchenzubehör, dekorative Figuren für Haus und Garten u. v. m.

Alle Keramiken werden von Bernd und Ulla Reindel in ihrer eigenen Werkstatt im Erfurter Ortsteil Bindersleben gefertigt. Jedes Stück ist Handarbeit und ein echtes Unikat.

Niedliche Miniatur-Artistinnen aus Porzellan genießen die Aussicht aus dem Ladenschaufenster auf der Erfurter Krämerbrücke.

Für Essig, Öl, Salz, Zucker und vieles mehr findet ihr bei Familie Reindel die passenden Vorratsdosen.

Witzige Zaunfiguren aus Keramik begrüßen die Kundschaft direkt am Ladeneingang.

In der Reindel'schen Manufaktur habt ihr die Qual der Wahl: Ihr könnt zwischen den Dekoren Streublume, Marine, Regenbogen, Marmor und Farbwerk wählen.
Oder ihr mixt euer Geschirr variantenreich durcheinander à la Bauhaus-Gründer Gropius, der einst sagte: "Bunt ist meine Lieblingsfarbe."

Für Besserwisser und Neunmalkluge

Keramik vs. Porzellan
Umgangssprachlich ist Keramik der Oberbegriff für alles, was aus Ton hergestellt wird. Porzellan ist eine Unterart der Keramik mit Hauptbestandteil Kaolin, auch "Porzellanerde" genannt. Porzellan wird aufgrund seines Mischungsverhältnisses bei höheren Temperaturen gebrannt als Keramik.

Töpfertechniken & Glasur
Die Aufbau-, Gieß- und Drehkeramik sind die grundlegenden Töpfertechniken. Bei letzterer kommt die Töpferscheibe zum Einsatz: An dieser werden rotationssymmetrische Gefäße geformt. Die Glasur dient der Oberflächenveredelung von Keramikprodukten. Die glasartige Schicht macht die Werke wasserundurchlässig.

Der Kreativität waren Grenzen gesetzt

Bernd Reindel kommt es darauf an, alltagstaugliche Keramik herzustellen. Das passt ganz gut zur Form folgt Funktion-Gestaltungslehre des Bauhauses von einst. Er erklärt mir, dass die Bauhäusler bei der farblichen Gestaltung der Keramiken allerdings nur begrenzte Möglichkeiten hatten: "Rohstoffe jeglicher Art waren vor 100 Jahren Mangelware. Rot-Töne waren kaum vorhanden und Gelb war sehr teuer, weshalb damals schlichte Farben wie weiß oder braun dominierten." Die Bauhaus-Töpfer brachen radikal mit der Tradition von verziertem Geschirr und Goldrand: sie fertigten schnörkellose und funktionale Gefäße. So auch Theodor Bogler, der mit seinen entworfenen Vorratsdosen für die Küchengarnitur des Modellhauses "Haus Am Horn" Bekanntheit erlangte. Sie waren das erste Referenzobjekt der keramischen Bauhaus-Werkstatt.

Im Selbstversuch zum Keramiklehrling

Das 100. Bauhausjubiläum soll 2019 auch in der Reindel'schen Manufaktur gewürdigt werden. Nach langen Überlegungen entschied sich Herr Reindel dafür, seinen Kunden praktisches Geschirr im "Bauhaus-Stil" anzubieten. Ich darf dabei sein, wenn die besonderen Sammlerstücke (bestehend aus Tasse, Teller und Müslischale) entstehen und mich auch selbst an der Töpferscheibe versuchen. Also Kittel an, Ärmel hochgekrempelt und los geht's...

Grundlage für die Reindel’sche Bauhaus-Keramik-Serie ist grau eingefärbter Ton. Dieser wird zunächst geschlagen, damit er homogen, geschmeidig und blasenfrei wird. Das erinnert ein wenig an Teig kneten.

Anschließend wird der Tonklumpen auf eine elektrische Töpferscheibe gesetzt und mit den befeuchteten Händen und Fingern in Form gebracht. Die Drehzahl der Scheibe regelt Herr Reindel über ein Fußpedal. Ein Gänsefederkiel dient ihm als Orientierung, wann er die gewünschte Höhe des Gefäßes erreicht hat.

Nun darf ich es auch einmal probieren. Das Sitzen an der Drehscheibe ist bereits die erste Hürde: Fußpedal bedienen, eine bequeme Sitzhaltung finden und die Hände koordiniert zum Ton führen. Beim Töpfermeister sah das wie ein Kinderspiel aus…

Meister Reindel ist mit meinen ersten Versuchen zufrieden. Er hilft mir natürlich bei der Formgebung, sonst würde ich noch ewig an der Drehscheibe hocken. Gemeinsam entfernen wir mit einem Schwamm überschüssiges Wasser vom Gefäß und mit einer Schiene glätten wir die äußeren Drehrillen der Tasse. Zum Schluss löse ich mit einem Draht die Tasse von der Scheibe ab und stelle sie zum Trocknen auf ein Brett.

Nach dem Trocknen erklärt mir Herr Reindel, wie mit Abdrehwerkzeugen der Ton geglättet und gestaltet wird. Mit dem Abdreheisen muss ich leichten Druck auf die Tasse ausüben. Aber vorsichtig, damit sich die Tasse nicht verformt.

Der letzte Schliff

Nachdem die Tassen ein wenig angetrocknet sind, kommen sie bei 900 °C in den Brennofen. Dieser sogenannte Schrühbrand macht die Keramiken stabiler für die Weiterverarbeitung. Danach heißt es: Ran an den Pinsel. Bauhaus-typisch und unverkennbar sollen Blau, Rot und Gelb in den Formen Kreis, Quadrat und Dreieck die Keramiken zieren. Ich darf eine Tasse mit farbiger Engobe (flüssiger Tonschlicker) dekorieren, bevor die Keramiken anschließend nochmals gebrannt werden.

Der Endspurt bahnt sich an: nach dem Brand taucht Herr Reindel die Keramiken in die Glasur und brennt die Stücke ein letztes Mal bei 1.100 °C. Erst nach diesem Brand zeigt sich, wie die Farben auf den Tassen, Schalen und Tellern wirken. Herr Reindel probierte sich in den vergangenen Wochen durch unendlich viele Farbmischungen, bis er zufrieden war.

Finally...

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: modern und farbenfroh präsentiert sich die Bauhaus-Kollektion im Schaufenster.  Das 100. Bauhaus-Jubiläum hat nun auch hier im Laden Einzug gehalten. Familie Reindel ist sehr stolz auf das Ergebnis und gespannt auf das Feedback ihrer Kunden.

Schaut doch bei eurem nächsten Stadtbummel durch Erfurt selbst im Laden vorbei. Hier findet ihr sicher auch das ein oder andere Mitbringsel für Freunde und Familie. Ich wünsche euch viel Spaß beim Stöbern! Den Eheleuten Reindel danke ich recht herzlich für den Blick hinter die Kulissen.

Maren

Do it yourself

Werdet selbst zum Töpferlehrling. In der Töpfermühle Möbisburg könnt ihr in verschiedenen Kursen euer handwerkliches Geschick testen.

Falls ihr lieber bereits fertige Keramiken hübsch verzieren möchtet, seid ihr im Malstudio Keramika in Erfurt richtig.

Große Neueröffnung am 1. Juni 2019

Große Neueröffnung am 1. Juni 2019

Als einzige Bauhaus-Werkstatt befand sich die Töpferei außerhalb Weimars. Gropius richtete sie 1920 in Dornburg im ehemaligen Marstall gegenüber dem Rokokoschloss ein. Noch heute wird hier getöpfert! Entdeckt im Bauhaus-Werkstatt-Museum Dornburg Geschichte und Gegenwart des Handwerks.

Informationen zur Museums-Eröffnung

(Falls nicht anders gekennzeichnet, Fotos: ©Dominik Saure, Thüringer Tourismus GmbH.)

Veranstaltungs-Tipp

Veranstaltungs-Tipp

Am 29. Weimarer Töpfermarkt nehmen am 21. und 22. September 2019 rund 65 Keramiker aus ganz Deutschland teil. Das vielfältige Sortiment und die gute Qualität sind mittlerweile zum Markenzeichen für den Weimarer Töpfermarkt geworden. Das Angebot zeigt die Vielfalt der Keramik. z. B. Fayencen, Bürgeler Keramik, Steinzeug aus dem Holzbrandofen u. v. m. mehr dazu

Ausstellungs-Tipp

Ausstellungs-Tipp

Das 100-jährige Bauhaus-Jubiläum wird 2019 auch auf der Leuchtenburg gefeiert. Die Sonderausstellung "Die neue Formenwelt" ist vom 1. April bis 31. Oktober 2019 zu sehen und präsentiert die einzigartige Sammlung Dieter Högermanns. mehr dazu

Tipp:
Bauhaus-Erlebnistour

Tipp:<br>Bauhaus-Erlebnistour

Mit der Augmented Reality App Thuringia.MyCulture. können Sie das Bauhaus in Thüringen spielerisch und interaktiv erleben. Mit dem Smartphone oder Tablet scannen Sie einfach einen Erlebnistourenpunkt ab – entdecken Sie die Touren "Grand Tour der Moderne" und "Weimarer Moderne". mehr zur App