Vom Herzoghof nach Hollywood

Meiningen

2026 feiert Meiningen den 200. Geburtstag Georgs II. Die Inszenierungen und Ensembles des Theaterherzogs wurden in Europa gefeiert, seine Ideen beeinflussten Regisseure auf der ganzen Welt. Ohne Meiningen kein großes Kino? Gut möglich!

Wo kommt denn auf einmal die donnernde Stimme des Chefs her? Die Feen schauen irritiert zum Himmel, an dem die letzten Regenwolken sich gerade auf den Weg in andere Regionen machen, die Kobolde hören auf, die Besucher zu necken, und die Besucher – nun, die haben den Intendanten des Staatstheaters in Meiningen zwar irgendwo im Sommerfesttrubel vermutet, nur ganz bestimmt nicht im Korb eines Heißluftballons. Jens Neundorff von Enzberg schwebt gerade über den Dingen. Steht da oben im Korb und muss sich immer dann ducken, wenn die Stichflamme über seinem Kopf kurz auflodert. Er überblickt den festlich geschmückten Englischen Garten, in dem nicht nur 3.000 Gäste auf die offizielle Eröffnung des Sommerfestes warten, sondern auch das komplette Theaterensemble, verkleidet als Figuren aus Shakespeares „Sommernachtstraum“. Und schwärmt dann per Mikrofon und Lautsprecher von dem tollen Setting, der feierlichen Atmosphäre, dem Glück, in Meiningen Theater machen zu dürfen. So viele sind heute Abend gekommen, um den Abschluss der Spielzeit zu feiern. „Aber eigentlich feiern wir nicht unser Theater“, ruft er aus seinem Ballonkorb. „Eigentlich feiern wir unser Publikum!“

Alle sind da: Ensemble, Intendant, Hofkapelle, Fans und Bewunderer

Wer wissen will, warum das südthüringische Meiningen gerne als Theater mit Stadt und nicht als Stadt mit Theater bezeichnet wird, muss sich nur die nüchternen Zahlen ansehen: 550 Vorstellungen pro Spielzeit, 160.000 Besucher aus dem Drei-Länder-Einzugsbereich Thüringen-Hessen-Bayern – das ist beeindruckend. Natürlich kann man auch zu einer Aufführung gehen, in der kommenden Spielzeit zum Beispiel zu Wagners „Rheingold“, Shelleys „Frankenstein“ oder zu „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ von Christiane F. Vielleicht aber ist ein Besuch des Sommerfestes im Englischen Garten der beste Einstieg in die Meininger Theaterwelt. An diesem Abend sind nämlich alle da. Und alle gut gelaunt. Der Intendant. Die Schauspieler. Die Musikanten der Hofkapelle. Die Fans. Die Bewunderer. Und die Kenner, die natürlich auch. Susanne Klapka zum Beispiel. Meiningens Stadtbotschafterin ist ausgewiesene Bühnenexpertin, nach einem Rundgang mit ihr wissen Gäste mehr über das Theater mit Stadt (und die Stadt mit Theater) als Wikipedia.

Und trotzdem längst noch nicht alles. Es gebe ja so viel zu erzählen, lacht Klapka, während einer einzigen Führung könne man das unmöglich alles unterbringen. Und zu sehen gibt es tatsächlich einiges. Die vielen gepflegten klassizistischen Bauten. Die Fachwerkhäuser. Den Schlosspark an der Werra. Kleine Läden und Cafés in der Fußgängerzone. Den Markt, auf dem die Meininger an warmen Abenden beim Wein säßen – wenn sie dafür Zeit fänden. Denn an vielen Wochenenden im Jahr finden Konzerte und Festivals statt, dazu Kleinkunsttage und die „Dampfloktage“. Manchmal könne man sich nur schwer entscheiden, meint Klapka. Und wandern könne man rund um Meiningen ja auch noch wunderbar. Unbedingt anschauen aber muss man sich das Barockschloss Elisabethenburg, die frühere Residenz der Herzöge. In dessen Sälen und Räumen könne man noch immer spüren, wie im Schloss nicht bloß Politik gemacht worden sei, sondern eben auch Theatergeschichte, meint sie. Wie ein detailverliebter Herzog hier einst das moderne Regietheater erfand. Wie das Meininger Ensemble durch halb Europa tourte. Wie Auswanderer die Ideen aus Thüringen in alle Welt mitnahmen. Wie das kleine Meiningen das große Hollywood möglich machte.

Die Theaterkulissen entwarf der Herzog höchstpersönlich

Wie bitte? Doch, sagt Susanne Klapka, das könne man schon so sagen. Begonnen habe alles schon 1776. Damals wurde auf Schloss Elisabethenburg eine erste Theaterspielstätte eröffnet; 1829 ließ Herzog Bernhard II. von Sachsen-Meiningen dann ein Theater bauen. 1866 übernimmt Bernhards Sohn Georg II. nicht nur die Regierungsgeschäfte, sondern auch die künstlerische Leitung des Theaters. Und alles wird anders. „Der Mann war ein kreatives Multitalent.“ Das kommt jetzt von Florian Beck, dem Leiter des Theatermuseums, das in der ehemaligen herzoglichen Reithalle untergebracht ist. Beck steht mitten in Wallensteins Heerlager, beziehungsweise: in dessen Originalkulissen von der Premiere 1909. Wie viele andere Kulissen hat der theaterbegeisterte Georg II. auch diese entworfen und sie anschließend von den besten Malern anfertigen lassen. Er ließ die an der Theaterdecke befestigten Bilder hintereinanderstaffeln und mit Licht experimentieren. Das Resultat? Eine für die damalige Zeit ungeheuerliche Tiefenwirkung.

Selbst heute steht man staunend vor den über 100 Jahre alten Kulissen. Das Publikum damals muss gedacht haben, die Schauspieler liefen in einem begehbaren Landschaftsgemälde herum. Und wenn sie plötzlich an einer Stelle in den Kulissen verschwanden und an einer anderen wieder auftauchten? Dann war das eine Sensation, über die sogar die Zeitungen schrieben. Ebenso genau nahm der Herzog alles andere. Die Kostüme. Die Requisiten. Stimmen und Lautstärken. Und die regelmäßigen Besprechungen mit dem Ensemble. „Ein Herzog bespricht sich mit Schauspielern! Ende des 19. Jahrhunderts muss das ein unerhörter Vorgang gewesen sein“, glaubt Florian Beck. Und dann die herzogliche Detailverliebt-, nein: Detailbesessenheit müsse man das schon nennen. „Der ließ sich Kataloge aus den Museen kommen, in denen römische Schwerter abgebildet waren, und dann hat er die für die Bühne eins zu eins nachbauen lassen.“

Schauspieler mit Starallüren konnten gleich wieder gehen

Beck läuft ein paar Schritte zu einem Suppentopf in der Wallenstein-Kulisse, der über einer Feuerstelle hängt. Das Holz ist so perfekt geschichtet, dass man es wahrscheinlich mit einem einzigen Streichholz anzünden könnte. „Was die hier auf der Bühne gemacht haben, war schon kurz vor
Kino“, meint Beck. „Und Georg II. war der erste Regisseur.“ „Theaterherzog“ hätten sie ihn damals genannt – anfangs spöttisch, später bewundernd. In den folgenden Jahren stellte Georg II. die Theaterwelt auf den Kopf. Weil der Herzog von Sachsen-Meiningen über politischen Einfluss und vor allem über ausreichend finanzielle Mittel verfügte, konnte sich das Haus an der Bernhardstraße die berühmtesten Schauspieler und besten Musiker leisten. Der Herzog verfasste die „Meininger Prinzipien“: absolute Werktreue, Massenszenen bis ins kleine Detail orchestriert, historisch korrekte Kostüme und Bühnenbilder. Theater solle der Kunst dienen und nicht kommerziellen Interessen. Und, ganz wichtig: Der Regisseur trägt die alleinige Verantwortung.

Auch Hauptdarsteller mussten sich fügen; wer Starallüren an den Tag legte, konnte gehen. Später sollte all das auch von amerikanischen Filmemachern umgesetzt werden. Wenn heute ein Hollywood-Regisseur einen allürenhaften Star zurechtstutzt, folgt er damit den Ideen des Meininger Theaterherzogs. Was kam dann? Die Meininger gingen auf Reisen. „Die Schauspieler des Theaters wurden tatsächlich ‚Meininger‘ genannt“, erzählt Susanne Klapka und lässt im sogenannten Großen Haus die Scheinwerfer anschalten. Auch ohne Schauspieler und Publikum ist das Theater mit seinen vergoldeten Brüstungen und der flachen, stimmungsvoll ausgeleuchteten Kuppel wunderschön. „Zuerst haben sie in Berlin gespielt, Julius Caesar von Shakespeare. Muss ein ziemlicher Erfolg gewesen sein.“ Denn im Anschluss gingen die Meininger immer wieder und immer weiter auf Reisen.

In den nächsten 16 Jahren kamen über 2.500 Aufführungen in 38 Städten von Amsterdam bis Odessa zusammen. Weil sich bei jeder Gastspielreise nicht nur das vollzählige Ensemble auf Tour begab, sondern auch sämtliche Kulissen, Kostüme und Requisiten mitgenommen werden mussten, reisten die Meininger mit einem eigenen Zug durch Europa. 80 Leute in 15 großen Waggons. Manchmal sogar in 20. Das alles wirke aber immer noch nach, sagt Susanne Klapka. „Wer in Meiningen aufwächst, wächst mit dem Theater auf. Viele Kinder gehen erst ins Puppentheater, dann irgendwann zu einer Kindervorführung im Staatstheater und dann zusammen mit den Eltern in ihr erstes, großes Schauspiel.“ Weil immer wieder junge Ensemblemitglieder, Musikerinnen und Musiker von außerhalb kämen, bleibe die Szene sehr lebendig. Im Geburtstagsjahr 2026 ist übrigens eine „Woche der jungen Regie“ geplant. Außerdem soll es ein Musical über Georg II. geben. Und einen Bühnenball unter dem Motto „Höfische Feste“.

Ein Park so schön wie eine Meininger Theaterkulisse

Womit wir wieder beim Sommerfest im Englischen Garten wären, gleich hinter dem Staatstheater, das von außen eher wirkt wie ein griechischer Tempel im alten Athen. Der Garten ist einer der ältesten innerstädtischen Landschaftsparks Deutschlands, leicht hügelig, mit zwei Teichen und großen Grünflächen, zwölf Hektar insgesamt. Bei der letzten Zählung standen hier knapp 800 Bäume, einige sind so alt, dass die Gärtner des Theaterherzogs sie möglicherweise gepflanzt haben. Der Garten ist ein Park nach englischem Vorbild: keine mathematisch streng vermessene Anlage, eher vorsichtig und einfühlsam geordnete Natur. Wenn man im Theater zu ihm hinausblickt, sieht er fast aus wie ein begehbares Landschaftsgemälde. Oder eine perfekte Kulisse. Der Theaterherzog wird den Englischen Garten geliebt haben. Auch ohne Feen und Kobolde.

 

 

Georgjahr 2026 in Meiningen: Ohne Meiningen kein Hollywood!

Ab 2. April 2026 feiert die Stadt Meiningen den 200. Geburtstag ihres Theaterherzogs. Die gesamte Spielzeit 2025/26 des Staatstheaters Meiningen wird im Zeichen Georgs stehen. Museen und besondere Veranstaltungen rund um Meiningen widmen sich dem Herzog und seinen Errungenschaften.

 

 

Titelbild: © Isabela Pacini / CMR

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