Von Puccini bis Philip Glass – Oper, Operette und Musical am Theater Erfurt

Musiktheater vom Feinsten in der Domstadt

Einem gläsernen Bienenstock gleicht es, mitten in der Stadt: Unterhalb der barocken Festungsanlage Petersberg, nur wenige hundert Meter vom Erfurter Dom entfernt, befindet sich eines der modernsten Opernhäuser Europas. Seit seiner Eröffnung im Jahr 2003 beherbergt es das Theater Erfurt, dessen besonderer Schwerpunkt auf Musiktheater und Konzerten liegt. Abseits ausgetretener Pfade weiß man hier mit Produktionen von hoher musikalischer Qualität, einem abwechslungsreichen Spielplan und mit internationalem Ensemble das Publikum zu begeistern, weit über die Landesgrenzen hinaus.

Ob altbewährte Werke, auf die man einen erfrischenden Blick wirft, um sie in einen aktuellen gesellschaftlichen Kontext zu setzen, Musicals oder aber innovative Opernformate - in Erfurt ist Musiktheater mehr als nur Wohlklang und Herzschmerz. Zeitlose Klassiker wie Mozarts ”Hochzeit des Figaro” und Puccinis ”Manon Lescaut” haben auf dem Spielplan ebenso Platz wie ”Sweeney Todd” von Stephen Sondheim oder ”Dead Man Walking” von Jake Heggie. Für das Publikum ist es ein besonderer Glücksfall, dass es darüber hinaus auch immer wieder musikalische Raritäten serviert bekommt. Die Ausgrabungen seltener Werke bescheren dem Theater jedes Jahr Gäste von nah und fern.


Auch wenn es heute hinter der Glasfassade des Theaters Erfurt ruhig zu sein scheint - im Haus geht es alles andere als gemächlich zu: Der Bühneneingang auf der Rückseite des Theaters gleicht einem Flugloch, es ist ein emsiges Kommen und Gehen. Das Staccato schneller Schritte von Orchestermusikern, deren Probe gerade beendet ist, der sonore Bass des Aufzuges, ein quietschender Wagen mit Requisiten, der an mir vorbeifährt - im Theater herrscht geschäftiges Treiben. Gleich zwei Premieren stehen in den nächsten Tagen auf der Großen Bühne und in der STUDIO.BOX an.

Der aus Washington stammende Tenor Brett Sprague, seit der Spielzeit 2019/20 fest im Ensemble des Theaters, wartet schon auf mich. Er nimmt mich mit auf die kleine Bühne des Hauses, für die es seit zwei Jahren ein gänzlich neues Konzept gibt: Mit einer eigenen künstlerischen Leitung fungiert sie unter dem Namen STUDIO.BOX als Schnittstelle zwischen klassischem Musiktheater und experimentellen Formaten. Bewusst bricht man hier mit dem gewohnten Konzept der Blackbox, in der sich das Publikum fernab vom Geschehen auf der Bühne befindet. Eine klassische Bestuhlung gibt es nicht, der Raum lässt sich flexibel gestalten. Brett ist in der STUDIO.BOX in der Kammeroper ”In der Strafkolonie” zu sehen und zu hören. Nicht nur die minimalistische, beinahe hypnotisierende Musik von Philip Glass, komponiert für Tenor, Bass und ein Streichquintett, begeistert mich - auch die Umsetzung ist ungewöhnlich. Sitzplätze gibt es nur wenige, während der Vorstellung dürfen wir uns je nach Szene frei um die beiden Sänger bewegen. Musiktheater ohne Stillsitzen also, mittendrin statt letzte Reihe.

Wir werfen noch einen kurzen Blick auf die Große Bühne, auf der für die Abendvorstellung gerade die Kulissen aufgebaut werden. Dann nimmt mich Brett durch einen unterirdischen Tunnel mit in das Nachbargebäude, wo sich die Ateliere und Werkstätten des Theaters befinden. Emsig wird hier an Kostümen gearbeitet, werden Perücken geknüpft, Bühnenteile und Requisiten angefertigt. Im lichtdurchfluteten Malsaal, der größten Werkstatt des Hauses, liegen gerade meterlange Leinwände auf dem Boden, es riecht nach frischer Farbe. Mit präziser Handwerkskunst und großem künstlerischen Geschick gestalten hier Maler und Plastiker mit besengroßen Pinseln Kulissen und Prospekte für kommende Produktionen. Parallel wird im Moment gleich an drei verschiedenen Inszenierungen gearbeitet, auch an den opulenten DomStufen-Festspielen, die jeden Sommer vor der imposanten Kulisse des Erfurter Doms stattfinden und für die Musikbegeisterte selbst aus den USA, Japan und Australien anreisen.

Mit innovativen Ideen beweist Intendant Guy Montavon zusammen mit seinem hochkarätigen Solistenensemble, mit Opernchor und dem Philharmonischen Orchester Erfurt immer wieder, dass das Genre Musiktheater weder antiquiert noch elitär sein muss. Jede Spielzeit hält außergewöhnliche Überraschungen bereit und lässt mich Neues entdecken. Die Oper ”Julie et Mao” von Jeffrey Ching ist so ein Beispiel. Mit Uraufführungen wie dieser zeigt das Theater Erfurt, dass Musiktheater mehr ist als nur Unterhaltung, dass auch politische Stücke gerade jetzt unbedingt auf die Bühne gehören, um in musikalischer Form humanitäre und kulturelle Werte zu vermitteln. Ein ganz besonderes Highlight sind für mich jedoch die spartenübergreifenden Operninszenierungen, die das Theater Erfurt regelmäßig in Koproduktion mit dem Tanztheater Erfurt und dem Theater Waidspeicher, dem Puppentheater der Stadt, auf die Bühne bringt. Ob Henry Purcells ”The Fairy Queen” mit der Ulrike Quade Company, Monteverdis ”Die Heimkehr des Odysseus” oder Wagners ”Ring der Nibelungen” - wenn visuelles Theater, Puppenspiel, Tanz, Gesang und Musik aufeinander treffen, dann füllen sie Räume, die überraschen. Sinnlicher und berührender kann Oper nicht sein.

Im Malsaal ist inzwischen Ruhe eingekehrt. Wir machen noch ein paar Fotos, dann packen wir zusammen, der letzte macht das Licht aus. Der Pförtner schaut müde, als ich an ihm vorbeigehe. Vorne am Theaterplatz werfe ich noch einmal einen Blick zurück auf den gläsernen Bienenstock. Honiggelb leuchten ein paar Fenster in der Dämmerung, noch summt es im Theater Erfurt.

Das Theater Erfurt begeistert seine Zuschauer mit Musiktheater und Konzerten

In Thüringen ist Kunst- und Kulturgenuss nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Neben dem Theater Erfurt könnt ihr in folgenden Theaterhäusern ebenfalls Musiktheater erleben: - Theater Altenburg Gera - Theater Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen - Theater Rudolstadt - Staatstheater Meiningen - Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar - Landestheater Eisenach Weitere erstklassige Konzerte könnt ihr auch besuchen im: - Theater Altenburg Gera - Theater Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen - Staatstheater Meiningen - Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar

 


Did you like this story?

kampagne_theater