Die Bauhaus-Idee

Fragen und Antworten zum Bauhaus

Es kam aus Weimar. Von dort eroberte es die Welt – und unsere Wohnzimmer…

1. Weshalb wurde das Staatliche Bauhaus in Weimar gegründet?

Ein Zufall der Geschichte? Nein: In Weimar gab es schon seit der Berufung von Herder, Goethe und später Liszt die Tradition, künstlerische Persönlichkeiten in die Stadt zu holen. So wirkt in Weimar seit 1902 auch der belgische Designer Henry van de Velde als künstlerischer Berater des Großherzogs und als Leiter der Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule. Er entwirft unter anderem die Gebäude der heutigen Bauhaus-Universität Weimar – in der von 1919 bis 1925 auch das Staatliche Bauhaus untergebracht ist. Allerdings muss van de Velde Deutschland 1917 wegen des Kriegs verlassen, weil er Ausländer ist. Als seinen Nachfolger empfiehlt er den Architekten Walter
Gropius – der 1919 das Staatliche Bauhaus in Weimar eröffnet. Er würdigt den Belgier später in einem Brief: „Wir haben viel an Ihnen gut zu machen, lieber Herr Professor …“

2. Wer war Henry van de Velde?

Ein Visionär, ein Alleskünstler und eine der schillerndsten Figuren des beginnenden 20. Jahrhunderts: Die Möbel und architektonischen Entwürfe des Designers Henry van de Velde sehen nach Jugendstil aus und weisen gleichzeitig über ihn hinaus. Zum Bauhaus? Man entdeckt bei van de Velde jedenfalls schon mehr Linie als Schnörkel. Viele seiner Maxime werden später vom Bauhaus übernommen. Wer in die Welt van de Veldes eintauchen möchte, der sollte die von ihm entworfenen Häuser Hohe Pappeln in Weimar (wo er wohnte) und das Haus Schulenburg in Gera besuchen. Tipp: Die Dauerausstellung „Van de Velde, Nietzsche und die Moderne um 1900“ im Museum Neues Weimar.

3. Was war so neu am Bauhaus?

Raus aus den Ateliers, rein in die Werkstatt, fordert Walter Gropius: Jeder Künstler soll ein Handwerk lernen, die Studenten arbeiten täglich in Schulwerkstätten, wie etwa einer Töpferei, an Webstühlen oder in der Metallwerkstatt. Im Blick hat der Architekt aber „den großen Bau“ – ein Einheitskunstwerk mit fließenden Grenzen zwischen Architektur, Design und Kunst. Zum ersten Mal gilt: form follows function – die Funktion bestimmt das Aussehen eines Produkts. In der Atmosphäre des frühen Bauhauses versuchen die Schüler, einen zeitgemäßen Gestaltungsstil zu finden. Sie entwerfen, ohne es zu ahnen, viele Design-Klassiker des 20. Jahrhunderts. In der Weimarer Talentschmiede entstehen handwerkliche Unikate ebenso wie neue Prototypen von Möbeln und Produkten. Man experimentiert auch mit aktuellen, modernen Industrie-Materialien. Gleichzeitig treibt die Studenten und ihre Lehrer eine ganzheitliche Grundhaltung an. Sie fragen sich: Wie wollen wir in Zukunft leben? Was verbessert die Lebensbedingungen der Menschen?

Ute Ackermann (Kuratorin, Klassik Stiftung Weimar) mit einer Vase von Otto Lindig ©Christiane Würtenberger/CMR Cross Media Redaktion GmbH, Thüringer Tourismus GmbH

 

4. Wo kann man heute das Bauhaus in Weimar erleben?

Neben dem spektakulären Bauhaus-Museum Weimar sind dies in erster Linie die Gebäude der Bauhaus-Universität Weimar und das Haus Am Horn, am besten im Rahmen einer Führung. Mehrmals wöchentlich führen Studenten der Uni im Rahmen eines Spaziergangs durch die Gebäude. Wer mag, der besucht auch noch das in den vergangenen Jahren errichtete Stadtviertel Neues Bauen am Horn, das vom Stil des Bauhauses inspiriert ist. In der Bauhaus-Universität sollte man nicht verpassen: den Figurenfries von Oskar Schlemmer im Treppenhaus des Ateliergebäudes, die Bauhaus-Malereien im Neben-Treppenhaus des Hauptgebäudes, die berühmte Van-de-Velde-Treppe, das Gropius-Zimmer und die Oberlichtsäle, außerdem das „Bauhaus. Atelier | Info Shop Café“ mit Bauhaus-Produkten im Innenhof.

Blick vom Weimarhallen-Park auf das neue Bauhaus-Museum Weimar in der Dämmerung ©Claus Bach, Klassik Stiftung Weimar, CLAUS BACH ® PHOTOGRAPHY

 

5. Wer waren überhaupt die wichtigsten Bauhäusler?

Neben Walter Gropius, Marcel Breuer und Ludwig Mies van der Rohe kennt man heute in erster Linie noch die großen Maler: Oskar Schlemmer, Paul Klee, Wassily Kandinsky und Lyonel Feininger, die alle vier als Meister am Bauhaus lehrten. Ihre Werke hängen heute neben den Designikonen im Bauhaus-Museum Weimar.

6. Warum sollte man reingehen in jedes Bauhaus-Haus?

Weil sich die Sensation des Bauhauses erst richtig in den Innenräumen offenbart. Zum Beispiel das Haus Am Horn, das Georg Muche entworfen hat. Von außen sieht es unspektakulär aus: quadratischer Grundriss, Flachdach, keine Balkone. Erst wenn man eintritt, bemerkt man: Die Nebenräume sind ringförmig um ein Wohnzimmer mit Oberlichtfenstern angeordnet. Alles ist gemütlich, durchdacht und für die damalige Zeit sehr modern. Das Haus Am Horn hat Einbauschränke, eine moderne Einbauküche und eine Zentralheizung. Man würde das Versuchshaus, das für die Bauhaus-Ausstellung 1923 entworfen wurde, auch heute noch einziehen wollen. 

Das Haus Am Horn in Weimar (UNESCO Welterbe) ©Dominik Saure, Thüringer Tourismus GmbH

 

7. Welche Bauhaus-Entwürfe sind berühmt geworden?

Nennen wir nur mal fünf: die Bauhaus-Leuchte von Wilhelm Wagenfeld (1924), der Lattenstuhl von Marcel Breuer (1924), das Teeservice von Marianne Brandt (1924), die Kinderwiege von Peter Keler (1922), die Gemälde der Kirche in Weimar-Gelmeroda von Lyonel Feininger. Im Bauhaus-Museum Weimar werden viele berühmte Bauhaus-Stücke zu sehen sein, denn die Klassik Stiftung Weimar hütet im Bauhaus-Archiv inzwischen rund 13.000 Bauhaus-Objekte, darunter die weltweit älteste und von Walter Gropius autorisierte Kollektion.

Die Kinderwiege von Peter Keler (1922), zu sehen im Bauhaus-Museum Weimar ©Alexander Burzik, Klassik Stiftung Weimar

 

8. Warum trugen manche Bauhäusler Glatze und lange Kutten? Warum feierten die Bauhaus-Studenten so gerne Kostümfeste?

Mit Johannes Itten, einem Schweizer Künstler, der nach Weimar berufen wurde, um den Vorkurs zu leiten, kommt ein Anhänger des Mazdaznan-Kultes ans Bauhaus. Was das ist? Die Lehre wurde von einer auch in Europa agierenden amerikanischen Sekte mit christlichen, zarathustrischen und hinduistischen Elementen gegründet. Die Itten-Schüler ernähren sich vegetarisch und meditieren viel, außerdem tragen viele Kutten und Glatze. Für die anderen Studenten sind sie Exoten. Itten, der schon 1923 das Bauhaus verlässt, gilt als Begründer der Farbtypenlehre.
Neben dem Spaß am Feiern geht es bei den aufwendigen, selbst gebastelten Kostümen auch darum, mit Formen, Farben und der Dreidimensionalität zu spielen. Sie sind also quasi auch immer Bauhaus-Entwürfe.

9. Kamen die Weimarer mit den Bauhaus-Studenten gut klar?

Natürlich gab es viele Unterstützer und Förderer des Bauhauses in der Stadt, aber einem großen Teil der Weimarer Bevölkerung waren diese internationalen Studenten und ihre zumeist freie Gesinnung eher fremd. Auch das politische Klima veränderte sich in den Jahren des frühen Bauhauses, es gab einen Rechtsruck. Die 1924 gewählte konservative Landesregierung kürzte die finanziellen Mittel des Bauhauses um die Hälfte. Deshalb zog die Kunstschule 1925 nach Dessau um.

10. Wie kam das Bauhaus in alle Welt?

Nachdem die Nationalsozialisten 1932 das Bauhaus in Dessau schlossen, emigrierten viele bekannte Künstler wegen der Diktatur in Deutschland in die USA und auch nach Israel. Sie bauten u. a. in Chicago und Tel Aviv Häuser, die auch Deutschland gut zu Gesicht gestanden hätten. Sie machten die Ideen des Bauhauses weltberühmt.

11. Warum könnten wir heute auch wieder etwas mehr Bauhaus-Spirit brauchen?

Die Bauhaus-Künstler stellten sich nach dem schrecklichen Erlebnis des Ersten Weltkriegs ganz idealistisch einer so einfachen wie komplizierten Frage: Wie wollen wir in Zukunft leben? Sie suchten nach Utopien, arbeiteten interdisziplinär. Dabei waren die Ideen im Allgemeinen nicht elitär, es ging darum, breiten Bevölkerungsschichten eine Verbesserung ihrer Lebenssituation zu ermöglichen. Auch heute könnten ästhetische, gesellschaftliche und moralische Fragen viel öfter zusammen gedacht werden. „Bauhaus ist kein Stil“, sagt auch Ulrike Bestgen von der Klassik Stiftung Weimar, die das Konzept des Bauhaus-Museum Weimar mitentwickelt hat, „sondern eher eine Haltung zur Gegenwart.“

Besonderes Erlebnis und Spurensuche zugleich: Bauhaus-Laternenspaziergang durch Weimar ©Matthias Eckert, weimar GmbH

 

12. Können Designarbeiten des Bauhauses Klassiker sein?

Natürlich nicht im Sinne des UNESCO-Weltkulturerbes Klassisches Weimar, zu dem die Herzogin Anna Amalia Bibliothek gehört. Diese Epoche wurde von Goethe und Schiller geprägt. Manche Arbeiten von Bauhaus-Künstlern gelten heute aber durchaus als Klassiker, in dem Sinn, dass sie Generationen von Produktdesignern inspiriert haben – wie etwa die Wiege von Peter Keler aus dem Jahr 1922.

Klassik trifft Moderne: Die Bauhauswiege in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar ©Maik Schuck, Thüringer Tourismus GmbH

 

13. Wo kann man das Bauhaus in Thüringen erleben?

Auch über Weimar hinaus hat das Bauhaus im gesamten Land Spuren hinterlassen. Stationen einer Rundreise können sein: die von Walter Gropius entworfenen Häuser Auerbach und Zuckerkandl in Jena. Oder das von Alfred Arndt entworfene „Haus des Volkes“ in Probstzella, das heute ein Hotel ist und dessen gesamte Innenausstattung in den Bauhaus-Werkstätten entstand. Die Kirche in Weimar-Gelmeroda, die als eines der bedeutendsten Motive des Bauhaus-Meisters Lyonel Feininger weltberühmt wurde. Ebenfalls in Weimar-Gelmeroda baute der Bauhäusler Ernst Neufert 1929/30 sein Wohn- und Atelierhaus. Seit 1999 erinnert hier die sogenannte Neufert-Box an seine „Bauentwurfslehre“ von 1936, die international zu einem Standardwerk der Architekturausbildung geworden ist.

 

Aus Thüringen in die Welt

Bauhaus und Moderne

Das neue Denken und Schaffen der Visionäre dieser Zeit hat das Verständnis und die Entwicklung von Kunst und Design in vielen Bereichen weltweit grundlegend verändert. Und die Wiege dieser bahnbrechenden Erfolgsgeschichte war Weimar. Erfahrt, wie der Geist des Bauhauses in Thüringen weiterlebt und entdeckt die vielen Zeugnisse dieser besonderen Zeit.

Headerbild ©Michael Kremer, Thüringer Tourismus GmbH


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