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Warum Mühlhausen eine Stadt der Revoluzzer ist

Ich bin Thüringerin. Im Herzen. Und im Geiste. Und das, obwohl ich schon seit 14 Jahren in Nordrhein-Westfalen lebe. Je älter ich werde, desto häufiger zieht es mich wieder zurück in die „alte“ Heimat: Nordthüringen. Hier ging ich zur Schule, hier lernte ich viel über die Geschichte des Landes und im Besonderen über die Reformation.

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Wer sich in die Geschehnisse des 16. Jahrhunderts ein wenig einliest, wird schnell merken, dass der Thesenanschlag von Luther in Wittenberg nur der Anfang einer ganz wichtigen Epoche war. Ganz Deutschland war im Umbruch. Mittendrin? Die Reichsstadt Mühlhausen.

Für meine Reise auf den Spuren der Reformation begebe ich mich nach Mühlhausen

In diesen Tagen wird die Stadt Mühlhausen in Nordthüringen 1050 Jahre alt. Von der nächstgelegenen Autobahn fahre ich 20 Minuten bis zu der Stadtgrenze. Nicht erst seit dem Mittelalter ist die mittelgroße Stadt am Hainich auf Straßenwegen kompliziert zu erreichen. Und doch wird Mühlhausen, wie der Name schon sagt, durch Mühlenwirtschaft, durch Tuchmacherei und Gerberei eine wohlhabende Reichs- und Hansestadt. Das in der Summe führte natürlich auch dazu, dass sich im Laufe der Zeit viele Kirchen und Klöster in der Stadt ansiedelten. Insgesamt 16 Kirchenhäuser oder Ruinen gibt es heute noch in Mühlhausen, ein großer Teil stammt sogar noch aus dem Mittelalter.

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Das Thema „Reformation“ ist in der Stadt allgegenwärtig

Mühlhausen ist eher für die „radikale“ Umsetzung des kirchlichen Wandels bekannt. Gerade deshalb ist vor allem im Lutherjahr 2017 hier viel zu entdecken. Der große Reformator Martin Luther hat die Stadt nie besucht. Gleichwohl ist sie und der Prediger Thomas Müntzer Bestandteil seiner Briefe und Reden. Mühlhausen ist eine der wenigen Orte, die unter den Folgen der radikalen Revolution noch lange Jahre leiden musste. Erst 1557 durfte die Stadt die Reformation anerkennen, aber das ist eine andere Geschichte.

Spurensuche

Meine „Spurensuche“ beginnt in einem Café. Davon gibt es in Mühlhausen einige, doch nur ein einziges hat „Müntzers Mütze“ und „Ottilies Küchlein“. Eher zufällig entdecke ich die regionale Leckerei im Café Schikore. Das Gebäck mit echtem Mühlhäuser Pflaumenmus, Biskuitteig und Marzipan macht leicht süchtig.

 "Müntzers Mütze" im Café Schikore | Mühlhausen

„Müntzers Mütze“ im Café Schikore | Mühlhausen

Als mir dann auch noch der Unstrutschlamm angeboten wird, sind mir jedoch auch die letzten Kalorien egal. Ich greife zu und genieße. Und erfahre nebenbei auch noch, dass es die Konditorei des Hauses schon seit 1955 gibt.

Keine 5 Minuten laufe ich anschließend durch die Stadt. Auf der Suche nach dem Rathaus entdecke ich auch die Stadtinformation. „Wollen Sie eine Stadtführung mitmachen?“, werde ich gefragt. „Morgen vielleicht“, antworte ich. Was ich nicht verrate? Am Folgetag bin ich mit einer echten Lutherfinderin verabredet. Was sie wohl zu erzählen hat?

Lutherlounge in der Stadtinformation Mühlhausen

Lutherlounge in der Stadtinformation Mühlhausen

Dafür entdecke ich die Lutherlounge, einen farbenfroh eingerichteten Bereich mit allerlei Infos zur Reformationsstadt Mühlhausen. Und „Free Wifi“, was ich selbstverständlich ausnutze. Meine Frage nach dem Rathaus wird mit einem Lächeln begleitet: „Einmal durch den Torbogen, Bitte.“ Tja, auch Reiseblogger können manchmal blind sein.

Rathaus mit „Reichstädtischem Archiv“ und einer ganz besonderen Ratsstube

Es ist kurz vor 12 Uhr. An einem Freitag. In einer Amtsstube. Eigentlich eine Zeit, in der sich jeder seelisch und moralisch schon aufs Wochenende vorbereitet. Mir wird empfohlen – einfach so – ins Rathaus zu gehen. Das ist für jedermann geöffnet und von innen wie von außen sehenswert. Ein wenig verloren stehe ich in der großen Rathaushalle.

Mich begrüßt Herr Dr. Wittmann, seines Zeichens Leiter des Stadtarchivs von Mühlhausen. „Fällt Ihnen auf, dass dieser Raum einen Knick hat?“, ist eine der ersten Fragen, die er mir stellt. Und tatsächlich, auf den zweiten Blick erkenne ich den Bruch in der Rathaushalle. Ich erfahre, dass der Kernbau des Rathauses im 13ten Jahrhundert entstand und anschließend immer weiter ausgebaut wurde. Wer genau hinschaut oder sich einer der öffentlichen Führungen (werktags, 11 Uhr) anschließt, wird auch heute noch erkennen können, wo noch im Mittelalter der Eingang zum Rathaus gewesen sein muss.

Rathaus Mühlhausen mit Ratsstube

Rathaus Mühlhausen mit Ratsstube

„Begleiten sie mich in die Ratsstube!“, bittet mich Dr. Wittmann. Kaum angekommen nehme ich einen tiefen Atemzug. Und atme Geschichte. Ich sehe Malereien aus dem 15ten Jahrhundert und entdecke auch eine Zeichnung, die nach den Revolutionsjahren im 16ten Jahrhundert entstanden sein muss. Tatsächlich. Das Bild, so erzählt mir Dr. Wittmann, wurde zu Ehren des Kaisers in diesem Raum verewigt. 1571 hat Mühlhausen seine Reichsunmittelbarkeit wiedererlangt, nachdem sie aufgrund der Vorkommnisse rund um die Reformation einige Jahre unter fremder Führung „zu Kreuze kriechen“ mussten.

Alte Kanzlei im Rathaus Mühlhausen

Alte Kanzlei im Rathaus Mühlhausen

Wir schauen uns noch einen kleinen Ausstellungsraum und die alte Kanzlei an, bevor mich Dr. Wittmann in das Allerheiligste des Rathauses einlädt: „Das Reichstädtiche Archiv„. Zwei verschlossene Türen müssen wir öffnen und gelangen in einen niedrig gehaltenen Gewölbekeller. Es ist dunkel und doch erkenne ich einige altertümliche Schränke und ein paar ausgestellte Archiv-Schätze.

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Eine handgeschriebene deutsche Bibel, die geschrieben wurde, als Luther noch nicht an die Reformation dachte, ein Originalbrief von Müntzer, geschrieben wohl kurz vor seiner Hinrichtung und ein Theaterstück aus dem 15ten Jahrhundert, sorgfältig dokumentiert. „Die Geschichte Mühlhausens vom 13ten bis ins 18te Jahrhundert ist bis auf einige wenige Ausnahmen in diesem Räumen dokumentiert!“, erfahre ich im Rahmen meiner kleinen Führung. Ein Blick auf die Uhr zeigt mir – ich muss weiterziehen, denn ich habe noch einiges vor.

Die Müntzergedenkstätten

Ich will herausfinden, was denn nun eigentlich in Mühlhausen passiert ist. Bei gleich zwei Müntzergedenkstätten in Mühlhausen werde ich fündig. Die ehemalige Kornmarktkirche ist seit einigen Jahren Bauernkriegsmuseum. Hier findet im Rahmen des Lutherjahres die Ausstellung „Luthers ungeliebte Brüder – Alternative Reformkonzepte in Thüringen“ statt.

Ich erfahre, dass ähnlich wie heute, eine wirtschaftliche Krise den Unmut auf die Kirchenhäuser in Mühlhausen geschürt hat und dass nicht Müntzer, sondern Heinrich Pfeiffer die zentrale Person der Reformationsaufstände in Mühlhausen war. Pfeiffer stellte Forderungen, wie z.B. die freie Predigt des Evangeliums und die Zulassung evangelischer Prediger an den zahlreichen Kirchen der Stadt.

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Die Stadt ließ sich nur zögerlich auf die Wünsche der Reformatoren ein. Dies wird wohl auch der Grund dafür gewesen sein, warum es vor allem in einer so damals großen Stadt wie Mühlhausen zu Kämpfen und Bilderstürmen (Zerstörung kirchlicher Figuren, Relikten und Bilder) kam. Müntzer – den ich bisher als den großen Revoluzzer im Bereich der Reformation kannte – ist erst später nach Mühlhausen gekommen. Von der Reichsstadt aus plante er einen Aufstand, der Monate später in Bad Frankenhausen in den Bauernkrieg gipfelte.

Die Kornmarktkirche ist jedoch nicht der einzige Standort, an dem Reformationsgeschichte eingeatmet werden kann. Auch in der Marienkirche, die ganz nebenbei wohl die eindrucksvollste Kirche der Stadt ist, finden sich Spuren des radikalen Reformators Thomas Müntzers. Hier hat er gepredigt und hier hat sich der Aufstand gebildet.

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Heute finden sich in der St. Marienkirche vor allem Kunstwerke. Gemütliche Stühle verraten mir auch, das hier häufig Konzerte stattfinden. „Die Akustik ist unglaublich!“ weiß Cindy Michael vom Tourismusverband zu berichten.

Mich beeindruckt besonders eine Plastik, die Luther und Müntzer in ihren Ansichten gegenüberstellt. Ob das Schwert, was hier ebenfalls ausgestellt ist, wirklich das des Reformators „Thomas Müntzer“ ist, mag ich zu bezweifeln und doch bringen mich die beiden Orte dem Thema Reformation ein Stück weit näher.

Reformation heute erleben

Mühlhausen hat auch heute noch viele Kirchen. Sechs von ihnen werden für Gottesdienste genutzt, fünf davon sind evangelisch-lutherisch geprägt. Weitere sechs Kirchen – und das finde ich sehr spannend – werden heute anders genutzt.

Bibliothek in der Jacobikirche in Mühlhausen

Bibliothek in der Jacobikirche in Mühlhausen

Marien- und Kornmarktkirche sind Museen, die Kilianikirche ist ein Theater, die Jacobikirche (in der zu Zeiten der Reformation häufig Sturm geläutet wurde) ist eine wirklich schöne Bibliothek und in der Antoniuskapelle ist ein Versammlungsraum und eine Pilgerherberge für Gruppen entstanden.

Auch die drei wichtigsten Figuren der Mühlhausener Reformation kann man heute noch entdecken. Vor dem einzig noch bestehenden Tor der Stadt – dem Frauentor – gibt es eine Figur Thomas Müntzers, in der Divi-Blasii-Kirche am Untermarkt findet sich eine lebensgroße Figur Martin Luthers und auch Heinrich Pfeiffer wurde vor der Allerheiligenkirche am Steinweg ein Denkmal gesetzt.

Von links nach rechts: Müntzer, Peiffer, Luther

Von links nach rechts: Müntzer, Peiffer, Luther

An vielen Orten wurde im 16ten Jahrhundert Geschichte geschrieben. Am besten darüber Bescheid weiß wohl Ute Helbing, die nicht nur Stadtführerin in Mühlhausen, sondern auch „Lutherfinderin“ ist. Sie erzählt von der Geschichte der Reformation, von den Kirchenhäusern und Klöstern der Stadt, von dem bösen Ende und zeigt mir ganz nebenbei noch einige besondere Orte, wie z.B. das Gerberviertel, die auch abseits der Reformation spannend sind.

Sie verrät mir auch noch abschließend ein tolles Zitat, was wohl für die damalige Zeit ziemlich treffend ist: „Wer 1523 nicht stirbt, 1524 nicht im Wasser verdirbt und 1525 nicht wird erschlagen, der mag wohl von Wundern sagen.“

Hier könnt ihr einkehren: Im Gasthaus zum Löwen könnt ihr nicht nur selbstgebrautes Bier verkosten, dort gibt es auch gemütliche und zentrale Zimmer für eine angenehme Nachtruhe in Mühlhausen. Für Gruppen werden hier sogar „Eyn Speis für Jedermann“ angeboten, eine Menüfolge wie zu Zeiten der Reformation.

Hier bekommt ihr mehr Informationen: Die Stadt Mühlhausen bietet rund um das Thema Reformation zahlreiche Angebote an, die ihr hier nachlesen könnt.

Ausflugstipps abseits der Reformation? Wie wäre es denn mit einem Besuch am Mittelpunkt von Deutschland? Der ist gar nicht so weit weg.

TIPPS FÜR DEINE URLAUBSPLANUNG AUF THUERINGEN-ENTDECKEN.DE
 
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Eine Antwort zu “Warum Mühlhausen eine Stadt der Revoluzzer ist”

  1. […] Mein Highlight sind die Kirchen St. Marien wegen ihrer imposanten Größe und die Jacobikirche, weil in ihr eine wirklich schöne Bibliothek untergebracht ist. Einen ausführlichen Bericht über die Erlebnisse in Mühlhausen könnt ihr auf dem Thüringen erleben – Blog nachlesen. […]

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