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Kuriose Tischkultur im Thüringer Wald

Bekannt ist das Thüringer Porzellan allemal: Namen wie KAHLA und Reichenbach sind ein Begriff. Aber habt ihr schon einmal aus einem Mops Rotwein getrunken? Oder aus einem Schwan Butter genommen? Nein? Gut, das hätte mich auch stark gewundert. Leider durfte ich es auch nicht ausprobieren. Dafür habe ich aber bizarre Trinkgefäße und kunstvoll gestaltete Speisedosen aus nächster Nähe betrachtet. Die Sonderausstellung „Vom Auerhahn zur Schwanendose“ im GoetheStadtMuseum in Ilmenau enttäuscht nicht. Doch die Entdeckungsreise vom besonderen Federvieh hörte hier nicht auf: Ich selbst kam in den Genuss einer Auerhahn-Pastete wie es sie zu Zeiten der Renaissance und des Barocks gab.

Eine Goethe-Statue auf einer Bank in Ilmenau

In Ilmenau begrüßt mich nicht nur die Sonne, sondern auch Johann Wolfgang von Goethe höchstpersönlich. Auf einer Bank vor dem Museum genießt er unter einem herrlich blühenden Kirschbaum die Wärme. Ich setze mich dazu. Ganz schön klein der Herr, denke ich mir. Museumsleiterin Kathrin Kunze erklärt mir später, dass das Denkmal frei interpretiert wäre. Der Geheimrat soll wohl in etwa 1,69m groß gewesen sein 😉

Im Museum selbst erhalte ich Einblick in Goethes Wirken in der Stadt Ilmenau. Als Bergbauminister war er oft hier – berühmt ist auch das Goethehäuschen, in dem er das „Wandrers Nachtlied“ an der Wand verewigte. Alle wichtigen Stätten Goethes können übrigens von Ilmenau bis nach Stützerbach erkundet werden: Der Goethewanderweg verbindet auf 20km Natur und Kultur. Das GoetheStadtMuseum ist der Ausgangspunkt für die Route.

Das GoetheStadtMuseum in Ilmenau

Vom 29. April bis 14. Oktober 2018 läuft die Sonderausstellung. Jeder, der ein Faible für Wunderliches hat und an Bräuchen zu Tisch interessiert ist, sollte das Museum besuchen. Denn in der Ausstellung wird es so richtig schön skurril. Kathrin Kunze erzählt zunächst, was es eigentlich mit dem Titel „Vom Auerhahn zur Schwanendose“ auf sich hat. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts wurden prächtige Vögel gejagt, deren Fleisch zu Pastete verarbeitet und dann mit dem Originalgefieder verziert zu Tisch gereicht. Auerhähne zum Beispiel sind nicht sehr schmackhaft, dafür aber schwer zu fangen. So galt es als etwas Besonderes, diese Vögel auf dem Tisch zu drapieren. Gerade damals waren die gutbetuchten Leute sehr auf ihr Prestige bedacht. Ihren Reichtum wollten sie mit solchen Schaugerichten repräsentiert wissen.

Eine Schwanendose aus Porzellan in Ilmenau

Mit Erfindung des Porzellans ab dem 18. Jahrhundert wichen die Federn dann allmählich kunstvoll verzierten Dosen. Schwäne und Enten oder Gemüsesorten wie Kohl dienten als Zurschaustellung der Speisen. Diese gab es aus Porzellan oder der erschwinglicheren Variante Fayence. Mich beeindruckt es, wie das Geschirr teilweise so zart, filigran und detailgetreu dekoriert wurde. Besonders detailreich verzierte Exponate nannte man Augentäuschungen beziehungsweise Trompe-l’oeils. Es sollte so aussehen, als lägen echte Tiere, Gemüse oder Obst auf den Tischen. Viele Stücke der Sonderausstellung sind echtes Thüringer Porzellan; einige kommen sogar aus Ilmenau. Von 1777 bis 2002 produzierte hier die älteste Porzellanmanufaktur – Graf von Henneberg Porzellan.

Von Möpsen und Trinkproben

Mein persönliches Highlight sind allerdings die kuriosen Trinkgefäße. Anno dazumal trank man schon mal aus einem gläsernen Mops, einem Stiefel oder einem Glas-Fässchen. Mit Rotwein gefüllt wurden solche Gefäße für Trinkproben und zur Belustigung genutzt. Nur mit viel Geschick und Fingerspitzengefühl gelang der Wein aus dem Glas direkt in den Mund. Da sind wir unseren Vorfahren dann doch sehr ähnlich: Denn wer kennt heutzutage nicht auch die kuriosesten Trinkspiele? Freilich wird niemand ein Mopsglas zuhause haben, dennoch sorgen solche Rituale in geselliger Runde für den ein oder anderen Lacher.

Scherzgläser in einer Austellung in Ilmenau

Ralf-Michael Kunze, Thüringer Museum Eisenach

Das Faszinierende an der Ausstellung sind die unglaublichen Geschichten hinter den Exponaten und die witzigen Anekdoten. So weiß ich jetzt, dass es einmal sogenannte Zittertassen oder Teepüppchen gab und wofür man so etwas früher brauchte.

Nach dem Besuch der Ausstellung lohnt sich ein Abstecher in die Tourist Information im Erdgeschoss. Angelehnt an diese gibt es hier zahlreiche zeitgenössische Porzellankunstwerke zu kaufen. Sofort ins Auge fallen mir die Stücke von Kati Zorn aus Cursdorf. Das nenne ich Thüringer Porzellan: Ihre Plastiken sind Traditionshandwerk neu aufgelegt mit besonderem Clou – denn sie sind frech, schön anzuschauen und modern. Ich mag vor allem die Fette Anette. Die hockt mal auf der Butterdose oder treibt auf dem Salzstreuer ihr Unwesen.

Eine Butterdose mit Figur aus Porzellan in Ilmenau

Natur und Erholung pur

Nachdem ich die Kuriositäten und fantastischen Begebenheiten aufgesogen habe, geht meine Reise weiter. In nur 10 Auto-Minuten tauche ich in die Natur des Thüringer Waldes ein. Das 4-Sterne-Berg- & Jagdhotel Gabelbach ist idyllisch auf einer Anhöhe gelegen. Ich bin ich sofort vom Ausblick und der Ruhe begeistert. Über einen Wiesenweg gegenüber des Hotels gelangt man zum Museum Jagdhaus Gabelbach. Auch hierher verschlug es Goethe zu seiner Zeit. Heute erfährt man in dem alten Jagdhaus unter anderem mehr über seine naturwissenschaftlichen Studien. Aber ich gehe heute einer anderen Studie nach: Und zwar der Untersuchung der Auerhahn-Pastete. Küchenchef Andreas Motter begleitet die Ausstellung „Vom Auerhahn zur Schwanendose“ kulinarisch. Dazu bereitet er eine Auerhahn-Pastete zu. Er kocht sie nach Vorbild eines alten Rezeptes mit modernem Touch. Das Gericht kann man von Ende April bis Mitte Oktober kosten – solang die Sonderausstellung läuft.

Das Berg. und Jagdhotel Gabelbach

Im Eingangsbereich des Hotels werde ich von freundlichen Mitarbeitern empfangen. Er ist sehr großzügig gestaltet und schick eingerichtet. Viel Holz, natürliche und harmonische Farben lassen es rustikal und leicht zugleich wirken. Über eine Treppe komme ich in das Restaurant. Es ist dezent und modern eingerichtet. Eine bodentiefe Fensterwand lässt viel Licht hineinströmen. Durch die Fenster landet mein Blick direkt auf der friedlichen Umgebung des Hotels. Ich sehe viel Grün der dichten Wälder und bewundere den schönen blauen Himmel. So wird die Stadt ja auch angepriesen: „In Ilmenau, da ist der Himmel blau.“

Die Umgebung des Berg- und Jagdhotels in Gabelbach

Falscher Auerhahn

Mein Tisch ist liebevoll gedeckt. Ich stelle mir vor, wie es zu Zeiten der Renaissance und des Barocks auf den Tischen ausgesehen haben muss. Überall bunte Dosen, buntes Serviergeschirr oder sogar bunte Federn. Ob man sich da richtig auf das Essen konzentrieren konnte? Ich zelebriere ja lieber den Genuss als den Prunk auf dem Tisch. So bin ich dankbar, dass ich vor mir einen modern eingedeckten Tisch vorfinde – mit frühlingshaftem Thüringer Waldglas der Farbglashütte Lauscha.

Und dann ist sie da: die Auerhahn-Pastete. Ich schiele noch einmal auf die Karte – Auerhahn-Pastete an gelierten Orangenfilets und Wildkräuterdip. Es klingt nicht nur außergewöhnlich himmlisch; es ist wirklich ein Genuss. Das würzige Fleisch der Pastete wird aufgelockert durch die bittersüßen Orangen. Der Dip gibt einen locker-leichten Frische-Kick – ein perfektes Zusammenspiel und unbedingt eine Empfehlung wert.

Auerhahn-Pastete im Berg- und Jagdhotel Gabelbach

Was ich hier so genüsslich verspeist habe, ist allerdings gar kein Auerhahn. Ich spitze die Ohren und höre weiter zu. „Die Auerhähne stehen unter Artenschutz,“ erklärt Küchenchef Andreas Motter. Die Pastete besteht tatsächlich aus Perlhuhn- und Entenbrust. Die Kombination kommt dem Auerhahn sehr nah. „Außerdem sind noch Speck und Nüsse darin“, verrät Motter. Der Auerhahn hat wenig delikates und recht trockenes Fleisch, wie es in dem historischen Rezept beschrieben wird.

Da bin ich natürlich froh, dass mein heutiges Geschmackserlebnis nicht zu Prestige-Zwecken aufgetischt wurde, sondern um das heutige Tischkultur-Abenteuer abzurunden.

Zeitgenössische Sitten

Mit gefülltem Bauch und Kopf begebe ich mich auf die Heimreise. Ich denke darüber nach, was man wohl in 200 Jahren von unseren Ess- und Trinkgewohnheiten samt Ritualen halten mag. Ich denke hier an Dinge, die für uns nun alltäglich sind: Wurst auf pflanzlicher Basis, Superfood wie Chia-Samen, sämtliche Speisen serviert in Weck-Einmachgläsern oder Mocktails.

Dagegen scheinen die Dosen und Gefäße aus Thüringer Porzellan nicht mehr ganz so kurios.

Na dann prost Mahlzeit!

TIPP: Der Besuch der Sonderausstellung lässt sich bis Oktober gut mit anderen Veranstaltungen verbinden. So könnt ihr am 5. und 6. Mai den Töpfermarkt besuchen. Weitere Museen in der Gegend (wie Stützerbach oder Langewiesen) besichtigt ihr am 13. Mai zum Internationalen Museumstag. Naturliebhaber lädt das 38. Kickelhahnfest am 25. August zum Wandern ein.

TIPPS FÜR DEINE URLAUBSPLANUNG AUF THUERINGEN-ENTDECKEN.DE

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Dieses Projekt wird von der Europäischen Union (EFRE) und dem Freistaat Thüringen (Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft) kofinanziert.

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