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Altenburg entdecken – ein Rundgang durch die ehemalige Residenzstadt

Kleine, verwinkelte Gassen, bunte Fassaden, roter Backstein und altes Kopfsteinpflaster – die Altstadt von Altenburg ist ein kleines Juwel. Vieles zeugt von der bedeutenden und gleichsam bewegten  Vergangenheit der Stadt, die als Sitz der Kurfürsten eine wichtige Rolle in der Reformation spielte.

Altenburg: Links: alte Häuserfassaden | Rechts: historisches Giebelornament

All die alten Holztüren, die wohl schon vor Hunderten von Jahren geöffnet wurden, die nostalgisch abgeblätterten Ladenschilder und die Schloss- und Kirchtürme – im Sommer kann man sich hier problemlos fühlen wie in Prag oder Lissabon. Mit einem Unterschied: Es fehlen die Touristen, die Souvenirläden und die überteuerten Restaurants.

Klar, hin und wieder blitzt auch ein Stück abgewetztes Mauerwerk hervor, ein alter Industrieschornstein reiht sich am Horizont in die Kulisse ein. Doch all das nimmt der Stadt nichts von ihrem Charme, im Gegenteil: Hier ist man nicht Tourist und auch nicht Reisender, hier kann man wirklich zum Entdecker werden.

Überraschendes Altenburg: Das Schloss und andere Wahrzeichen

Wenn man aus den engen Altstadtgassen herausläuft, steht man plötzlich vor dem riesigen Schloss, das über dem Ort thront. So merkwürdig zusammengesetzt sieht es aus, irgendwie sympathisch, eben nicht so glattgebügelt, wie man das von einem Schloss erwarten würde. Auf einer slawischen Wallanlage wurde hier vor langer Zeit eine Burg errichtet und unter Kaiser Barbarossa ausgebaut. Der älteste Turm, der heute noch steht, ist über 1000 Jahre alt. Dagegen stammt die Kirche aus dem 15. Jahrhundert, die Innenräume wurden im 18. Jahrhundert eingerichtet und hundert Jahre später nach einem Brand wiederhergestellt.

Schloss Altenburg: Links: historische Laterne | Rechts Schlossturm

Residenzschloss Altenburg

Wer Architekturstile üben möchte, hat hier die ideale Gelegenheit – alle anderen können einfach über den Kontrast zwischen dem herrschaftlich eingerichteten Festsaal und den mittelalterlichen Türmen staunen.

Schloss Altenburg: Links: Schlossfassade | Rechts historische Holztür

Residenzschloss Altenburg

Staunen, das geht gut in Altenburg. Wahrscheinlich, weil man nicht weiß was man erwarten soll, bevor man hierher kommt. Und so alle paar Meter positiv überrascht wird – von dem hübschen Marktplatz zum Beispiel, in dem der Blick automatisch auf das eindrucksvolle Rathaus und die reich verzierte Fassade der Brüderkirche fällt. Vom Kunstturm, der der Stadt ein Stück italienisches Flair verleiht. Oder vom Paul-Gustavus-Haus, dessen Gründer versuchen, ein ehemaliges Fabrikgebäude zu erhalten und durch Veranstaltungen zu beleben. Und natürlich ganz grundsätzlich davon, in welch einer historisch bedeutsamen Stadt man hier steht: Die Kreuzung wichtiger Handelswege führte dazu, dass das Leben hier florierte, Kaiser residierten in Altenburg und im 16. Jahrhundert lebten mehr als 3.000 Menschen in der Stadt – für die damalige Zeit beachtlich.

Der nicht ganz so berühmte Reformator: Georg Spalatin

Überraschend ist auch eine der berühmten Persönlichkeiten der historischen Stadt: Georg Spalatin. Hört man „Reformation“, denkt man automatisch an Luther – hinter ihm sind viele andere wichtige Persönlichkeiten der Zeit in Vergessenheit geraten. Und, zugegebenermaßen, das Thema Reformation mag vielen, gerade solchen, die wenig Bezug zu Religion haben, etwas trocken vorkommen. Auch Christine Büring, Geschäftsführerin von Altenburg Tourismus, war zunächst nicht begeistert, als sie sich im Zuge der Reformationsdekade mit Spalatin beschäftigen musste. Doch je mehr sie von ihm las, desto spannender wurde es.

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Spalatin war nämlich alles andere als „der typische Reformator“. Weil er Lehrer werden will, muss er sich nach seiner Universitätsausbildung zum Priester weihen lassen. Schließlich wird er Erzieher am kurfürstlichen Hof und später engster Berater und Vertrauter des Kurfürsten. Als enger Freund Luthers ist er zudem derjenige, der zwischen Kurfürst und Reformator vermittelt, und schließlich auch derjenige, der Luther zu seinem Versteck auf der Wartburg verhilft.

„Experimentallabor“ der Reformation

Als Berater des Fürsten muss Spalatin, vorher eher Wissenschaftler, das aus Büchern gelernte Wissen in die Realität übertragen. Reformatorische Gedanken mögen auf dem Papier wie gute und sinnvolle Ideen erscheinen – tatsächlich umgesetzt ergeben sich jedoch ganz neue Probleme und Fragestellungen. Wenn die Rollen von Staat und Kirche nicht mehr festgeschrieben sind, wer herrscht dann über wen, und wie lässt sich das organisieren? Wie lassen sich staatliche Schulen oder eine staatliche Armenfürsorge finanzieren, ganz ohne den kirchlichen Ablasshandel? So wird Altenburg zum Experimentallabor der Reformation. Ständig steht Spalatin im Streit mit dem Stadtrat, nennt dessen Mitglieder in Briefen Ochsen, Narren und schließlich sogar „große, dicke, feiste, lange Diebe“. Die Reformation mag wichtige geistige und humanistische Neuerungen mit sich gebracht haben – im Alltag war deren Umsetzung jedoch vor allem Politik.

Innenansicht der Ausstellung zu Spalatin in der Bartholomäikirche Altenburg

Ausstellung zu Spalatin in der Bartholomäikirche Altenburg

„Wenn ich nicht gewesen wäre, nimmer wäre es mit Luthero und seiner Lehr so weit kommen“, hat Spalatin über sich selbst gesagt. Und doch – als oft geheimer, zurückhaltender Strippenzieher im Hintergrund ist er weitgehend in Vergessenheit geraten. Heute würdigen ihn in Altenburg zwei Ausstellungen: Noch bis Ende November 2017 ist im Schloss „Georg Spalatin – Martin Luthers Weggefährte in Altenburg“ zu sehen, in der Bartholomäikirche dauerhaft von Mai bis Oktober „Georg Spalatin – Freiheit und Glaube„.

Innenansicht der Ausstellung zu Spalatin in der Bartholomäikirche Altenburg

Ausstellung zu Spalatin in der Bartholomäikirche Altenburg

Das Spannende ist, dass sich beide Ausstellungen nicht darin erschöpfen, das Lebenswerk des Reformators vorzustellen. Im Residenzschloss bekommt man zusätzlich einen guten Überblick über die revolutionären Umstände einer Zeit, in der nichts mehr sicher war, in der eine vorgefertigte Ordnung der Dinge an ihre Grenzen stieß und überworfen wurde. Die Ausstellung „Freiheit und Glaube“ bemüht sich außerdem, die grundsätzlichen Ideen der Reformation verständlich zu vermitteln, und möchte eine Linie in die heutige Zeit ziehen. Es wird die Frage aufgeworfen, inwieweit Kirche an sich und die Werte der Reformatoren heute noch wirken.

Geschichte zum Anfassen in den „Roten Spitzen“

Nach so viel geschichtlich-geistlichem Input bietet ein Abstecher zu den „Roten Spitzen“, dem Wahrzeichen Altenburgs, Geschichte zum Anfassen. Die beiden Türme, die vor allem aufgrund ihrer unterschiedlich geformten und unterschiedlich hohen Spitzen auffallen, sind Überreste einer Kirche aus dem 12. Jahrhundert. Damals war das Gebäude etwas vollkommen Neues: Noch nie hatte man nördlich der Alpen ein so hohes Gebäude aus Backstein errichtet – die Menschen, die zu dieser Zeit noch in niedrigen oder gar in den Boden eingelassenen Häusern lebten, waren überwältigt.

Weil das Kloster zur Zeit der Reformation jedoch einen schlechten Ruf hatte, wurde es schließlich unter Befehl von Spalatin aufgelöst. Es begann eine bewegte Zeit für das Bauwerk: Es beherbergte eine Schule, ein Witwen- und Waisenhaus, ein Zuchthaus und ein Museum, bevor es 2006 als Kulturdenkmal anerkannt wurde und heute besichtigt werden kann.

Die Roten Spitzen von Altenburg

Die Roten Spitzen von Altenburg

Im Zuge dessen erkundeten Archäologen die Kirchengänge und das, was darunter lag, und können heute rekonstruieren, wie es einmal ausgesehen haben muss. Wer die Roten Spitzen heute besucht, läuft daher quasi mitten durch die Ausgrabungen und kann selbst erleben, wie spannend es ist, ein historisches Gebäude neu unter die Lupe zu nehmen. Religiöse Szenen an den Wänden, die aus dem Mittelalter stammen, wurden beispielsweise erst vor Kurzem entdeckt, als man eine Holzwand abriss, und stehen vor der Restaurierung. Zudem birgt das Gebäude noch einige Geheimnisse: Für in einige der Backsteine eingebrannte Markierungen haben die Archäologen noch keine Erklärungen gefunden. Wer weiß, was noch alles zwischen den alten Mauern steckt?

„Man kann hier noch entdecken“, beschreibt Anja Fehr, die Führungen leitet, das, was ihr an dem Altenburger Wahrzeichen am besten gefällt. Und ja, man fühlt sich selbst wie ein Archäologe, wenn man die alten Gänge erkundet, den Blick über die Ausgrabungen schweifen lässt und in den Turmwänden eingeritzte Namen und Sprüche aus der Zeit findet, in der das Gebäude ein Zuchthaus war.

„Hier kann man noch entdecken“ – Geheimtipp Altenburg

Entdecken, das kann man überall in der Altstadt. Auf dem Weg von den roten Spitzen zurück zum Marktplatz läuft man durch kleine, verwinkelte Gassen, in denen man sich besonders leicht verirren kann – und ruhig auch sollte. Viele der Häuser sind bereits restauriert, bei anderen blättert der Putz ab – jedes sieht vollkommen unterschiedlich aus. Und zwischendurch hat man immer wieder den Blick auf eines der Wahrzeichen der Stadt – das Schloss, die Roten Spitzen, eine der Kirchen. Wer Altenburg besucht, muss sich Zeit nehmen, um sich in den Gassen zu verlieren und diesen ganz eigenen Charme auf sich wirken zu lassen.

Senfladen Altenburg: Links: verschiedene Senfgläser | Rechts: Bratwurst mir Senf

Weltmeister-Senfladen Altenburg

Entdeckungen kann man in Altenburg übrigens auch kulinarisch machen. Einige Unternehmen, wie der Weltmeister-Senfladen mit den über 350 Sorten, aus denen man sich für die original Thüringer Bratwurst den perfekten Senf aussuchen kann, sind bereits eine feste Institution. Andere, wie die Destillerie- und Liqueurfabrik Altenburg, sind dabei, sich zwischen Tradition und Moderne zu positionieren. Hier kommen zum bisherigen Angebot aus Schwarzgebranntem und klarem Schnaps, die in ganz Thüringen bekannt sind, heute mehr besondere Liköre und „Trends“ wie Whisky und Gin. Der erste Whisky, der aus Schottland importiert und in Altenburg gelagert und abgefüllt wurde, trägt den regionalen Bezug übrigens bereits im Namen: „Red Peaks“, Rote Spitzen.

Links: Flasche „Red Peaks“ Wiskey | Rechts: Flaschen klarer Altenburger Schnaps

Destillerie- und Liqueurfabrik Altenburg

„Wer suchet, der findet“

„Wer suchet, der findet“, hat Luther gesagt, und man könnte meinen, er hätte damit die Stadt Altenburg gemeint. Selbst innerhalb von Thüringen ist der Ort schließlich noch ein Geheimtipp. Warum eigentlich? Je länger ich dort bin, desto mehr frage ich mich, warum der hier präsente ganz besondere Stilmix aus historisch, abgewetzt und neu noch nicht tausendfach auf Instagram geteilt wird. Und wer denkt, Reformation sei ein langweiliges Thema, für den ist ein Altenburg-Besuch im „Lutherjahr“ beinahe ein Pflichttermin: In den beiden Spalatin-Ausstellungen erfährt man, wie spannend diese geschichtliche Epoche war und wie sehr sie auch unser heutiges Leben beeinflusst.

Wer sich auf Altenburg als Reiseziel einlässt, der wird nicht nur überrascht sein, sondern begeistert!

 

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    Hallo Frau Kovac, sehr schöne Beobachtungen, die Sie da mit uns und den Lesern teilen und in Ihre Worte fassen. Dem Schloss- und Kulturbetrieb, zu dem neben den Schlossanlagen auch die Roten Spitzen, der Nikolaiturm und weitere Sehenswürdigkeiten gehören, arbeitet genau hieran: Den Charme, die Geschichte aus zehn Jahrhunderten (die Mitteldeutschland und Europa mit geprägt hat), die besondere Atmosphäre der Stadt Altenburg stärker sichtbar zu machen. Es ist ein Ort zum Hingucken, Erleben, Entdecken. Wir versuchen das u.a. in den Social Media, aber auch durch unser vielfältiges Führungsangebot zu vermitteln. Ich erlaube mir einen weiteren Hinweis: In der Schlosskirche liegt Kurfürstin Margaretha von Österreich begraben, die im Altenburger Schloss ihre Söhne Ernst und Albrecht aufzog und hier auch ihren Alterssitz hatte. Diese beiden Herren wurden, als sie flügge waren und in die Welt hinauszogen, zu den Stammvätern der heutigen Staatsgebilde Thüringen und Sachsen. Beste Grüße, Christian Horn (Schloss- und Kulturbetrieb)

Dieses Projekt wird von der Europäischen Union (EFRE) und dem Freistaat Thüringen (Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft) kofinanziert.

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