Die Legende von der Glasbläserfrau

Oder warum der Erfolg des Christbaumschmucks vor allem den Frauen zu verdanken ist

Elfi Bartholmes führt behutsam den feinen Pinsel über die Glaskugel. Mit ruhiger Hand verziert sie den Christbaumschmuck, den ihr Vater bereits in 4. Generation im Familienbetrieb „Thüringer Weihnacht“ nach alter Tradition herstellt. Sie ist eine der Frauen, die das besondere Kunsthandwerk der Glasmalerei bis heute lebendig halten. Und auch vor weit über hundert Jahren waren es vor allem die Frauen, die den Christbaumschmuck weltweit erfolgreich machten.

1848 wurde der Gläserne Christbaumschmuck in Lauscha erfunden und bis heute lebt die Tradition in den Familienbetrieben entlang des Rennsteigs weiter. Elfie Bartholmes betrachtet ihr Kunstwerk.  Linien, Formen oder ganze Landschaften mit Häusern zaubert sie auf die federleichten, hauchdünnen Kugeln. Dabei folgt sie Designvorlagen die meist mehr als 100 Jahr alt sind. Zum Schluss lässt sie behutsam etwas Glitzer über die Kugel rieseln – fertig ist die funkelnde Weihnachtskugel! 


Während die Technik wie der gesamte Prozess der Herstellung bis heute fast gleichgeblieben ist, so ist es auch die Aufgabenteilung. Die Männer sitzen vor der „Lampe“ und blasen den Christbaumschmuck. Die Frauen bemalen und veredeln die sensiblen Glaswaren. Aber es waren auch die Glasbläserfrauen, die den Christbaumschmuck aus Lauscha zum Exportschlager in der ganzen Welt machten.


Bis ins 20. Jahrhundert wurde der Thüringer Christbaumschmuck auf saisonbedingte Nachfrage hergestellt. Die Glasbläserfrauen brachten in den Frühjahrs- und Sommermonaten Muster der neuen Kreationen zu den Verlegern: Die Händler hatten ihre Büros und Lager in der Spielzeugstadt Sonneberg und vermarkteten den Christbaumschmuck als gläserne Kostbarkeit in aller Welt. Die Bestellungen wurden aufgegeben und in den Herbstmonaten – der Winter kommt schnell nach Lauscha – mussten sich die Glasbläserfrauen fast wöchentlich auf den Weg machen, um die Ware abzuliefern. 15 Kilometer führt der sogenannte Glasbläserpfad durch enge Kerbtäler quer durch den Nadelwald des Thüringer Schiefergebirges – von Lauscha über Steinach bis zur Wiefelsburg und von dort weiter nach Sonneberg. Der Anstieg durch die sogenannte „Höll“ hinter Steinach vermittelt einen kleinen Eindruck über den zu bewältigenden Kräfteaufwand der Glasfrauen, wenn sie bei Wind und Wetter auf sich allein gestellt, die meist bis zu 30 kg schweren „Huckelkörbe“ über die Thüringer Berge transportieren mussten. Ging eine Ladung zu Bruch, war die Wochenarbeit einer ganzen Familie zerstört. Bevor sich die Glasbläserfrauen auf den langen Rückweg machten, kauften sie von ihrem geringen Lohn Dekormaterial und Lackfarben. So gehörte es zum Lauschaer Ortsbild, dass Frauen mit voluminösen Tragekörben aus Weidenhölzern entlang der Straße gingen.

Historische Aufnahme aus Lauscha von 1930. Die Glasbläserfrauen trugen den Christbaumschmuck in Tragekörben aus Weidenhölzern die 15 Kilometer bis nach Sonneberg. Die Körbe wogen meist über 20kg und der Weg war besonders in den Wintermonaten sehr beschwerlich. ©Museum für Glaskunst Lauscha

Später übertrugen die Glasbläserfamilien die Anlieferung der Ware nach Sonneberg auch sogenannten Boten- oder Lieferfrauen. Diese sammelten meist die Lieferkörbe mehrerer Glasbläser am Lauschaer Bahnhof ein und beaufsichtigten das Frachtgut bis nach Sonneberg.

Tatsächlich sind die Frauen der Glasbläser und professionelle Botenfrauen bis in die 1950er Jahre nach Sonneberg gelaufen. Nicht zuletzt ihre eigene besondere Lebensweise, ständig unterwegs über weite Strecken zu sein, ließ die Botenfrauen zu anerkannten Persönlichkeiten werden – manche sogar zur Legende. Louise Petzold, genannt Korz (die Kurze), war bis zu Beginn des zweiten Weltkriegs tätig. Emilie Hellmann, die Botenfrau des Inselsbergs, erwanderte bis zu ihrem 70. Geburtstag den Gipfel. Sie erstieg den Berg 12.000 Mal, was einer zweieinhalbmaligen Umrundung des Äquators gleichkommt.

Historische Aufnahme aus Lauscha von 1935. Einige der Glasbläserfrauen sind zur Legende geworden und wanderten den Weg bis ins hohe Alter. ©Museum für Glaskunst Lauscha

Heute ist der historische Pfad von Lauscha nach Sonneberg ein beliebter Wanderweg. Extra naturbelassen erklimmt man Höhenunterschiede von etwa 400 Metern und erhält damit eine kleine Ahnung von den Strapazen und Zwängen, denen die Glasbläserfrauen ausgesetzt waren. Man spürt aber auch, dass die Region ihre Tradition bewahrt und lebendig hält. Das Glasbläserhandwerk war und ist bis heute in den kleinen Orten entlang des Rennsteig zu Hause. Und es sind die Familienbetriebe – wie die Glasbläserei „Thüringer Weihnacht“, die das Erbe bewahren. Elfi Bartholmes betrachtet stolz ihr fertiges Kunstwerk – sie macht sich nicht mehr auf den beschwerlichen Weg nach Sonneberg – außer mit Wanderschuhen und einer Brotzeit und wohl wissend, dass die Lauschaer Weihnachtskugel nur dank der Botenfrauen ihren Siegeszug rund um die Welt antreten konnte.

Traditioneller Christbaumschmuck der Glasbläserei "Thüringer Weihnacht". Die Formen und Designs sind meist weit über 100 Jahre alt. ©Florian Trykowski, Thüringer Tourismus GmbH

 

Headerbild: ©Museum für Glaskunst Lauscha


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