UNESCO-Weltnaturerbe Nationalpark Hainich

In diesem Wald wird es wieder wild

Wie sähe die Welt ohne uns aus? Wenn es keine Menschen gäbe, sondern nur die Natur, in die niemand eingreift, Rotbuchen, soweit das Auge reicht, in der Luft ein pilziger, erdiger Duft. Der Hainich gehört zu den letzten Überbleibseln der Urwälder, die einst weite Teile Mitteleuropas bedeckten. Mit einer Fläche von etwa 130 km2 ist er Deutschlands größtes zusammenhängendes Laubwaldgebiet. Sein südlicher Teil ist Nationalpark und seit 2011 Teil des UNESCO Weltnaturerbes "Buchenwälder der Karpaten und Alte Buchenwälder Deutschlands". Auch wenn die Natur auf den ersten Blick vielleicht nicht so spektakulär erscheint wie Kreideklippen, Korallenriffe oder Canyons, sie ist weltweit einzigartig und ein ganz spezieller Lebensraum für viele seltene Arten.

Gewachsenes Welterbe

Geschichten über den Hainich erzählen von alten Fliehburgen, die in Zeiten des Krieges im dichten Wald Schutz boten. Aus dem Neolithikum beförderten Archäologen Spuren noch älterer Siedlungen zutage. Und der Wald in den Höhenlagen gilt als „alter Wald“, es gibt ihn schon seit der letzten Eiszeit.

Betteleiche im Nationalpark Hainich, ©Jens Hauspurg, Thüringer Tourismus GmbH

All das aber hat nicht allein den Weg zum Weltnaturerbe geebnet. Zur Geschichte gehört auch, dass der Südteil des Hainich von 1935 bis 1991 militärisches Sperrgebiet war. Wehrmacht und später Sowjetarmee schufen zwar einige Kahlflächen, weite Bereiche des Waldgebietes blieben jedoch sich völlig selbst überlassen. Ab 1991 übernahm der Wald langsam dann auch die freien Flächen wieder und entfaltet seither seine natürliche Dynamik ungebremst. Der Südteil des Hainich mit seinen alten Buchenurwäldern ist heute Thüringens einziger Nationalpark und seit 2011 Weltnaturerbe.

Laufsteg der Natur

Baumkronenpfad im Hainich, ©Joachim Köhler Medien Design, Thüringer Tourismus GmbH

Ein Rundgang über den Baumkronenpfad im Nationalpark Hainich dauert 540 Meter und so viel Zeit wie man sich nehmen möchte. Der Pfad führt in Bögen durch die Baumwipfel. Am höchsten Punkt, einem Aussichtsturm, bringt er es auf etwa 40 Meter über dem Erdboden. Normalerweise ist dies das Refugium der Vögel. Wenn der Wind weht, schwanken die Baumriesen leicht. Das merkt man auf dem Pfad natürlich nicht so, oder nur, wenn man die Hängebrücken oder die Kletterseile ausprobiert. Unterwegs gibt es aber nicht nur Angebote zum mutigen Selbsttest in Sachen Geschicklichkeit und Höhe, sondern auch interessante Einblicke in die Welt von Fledermäusen, Spechten, Wildkatzen oder Schillerfaltern.

Blick ins Untergeschoss

Normalerweise läuft man ja auf dem Waldboden und zwischen den Bäumen. Im Nationalpark Hainich kann man aber auch die Etage darunter kennenlernen.

Wurzelhöhle im Nationalpark Hainich, ©Tino Sieland, KTL Bad Langensalza

In der Wurzelhöhle des Nationalparkzentrums ist eine Menge los: Hier begegnen wir Springschwänzen, Beintastlern, Rädertierchen, Fadenwürmern und anderen Lebensformen, von denen wir normalerweise nicht viel bemerken. Dabei verrichten sie wichtige Arbeit. So kümmert sich eine Armee von Krabbeltierchen um den anfallenden „Biomüll“ des Waldes und verwandelt herabgefallene Blätter in nährstoffreichen Humus. Bäume tauschen Wasser, Nährstoffe und Informationen (!) aus. Buchen gehen Partnerschaften ein mit Pilzgeflechten, die beide am Leben erhalten. Der Waldboden ist eine Dauerbaustelle. Hier wird rund um die Uhr Material abgebaut, umgebaut und Neues geschaffen. Er ist ein ungeheuer artenreiches Habitat und ein Genpool, dessen Biodiversität wissenschaftlich noch immer nicht komplett erfasst ist.

Wo Wildkatzen wohnen

Im Wildkatzendorf Hütscheroda leben Carlo, Toco, Franz und Emil, vier Vertreter der Spezies „Europäische Wildkatze“. Normalerweise bekommt man die scheuen Waldbewohner ja eher nicht zu Gesicht, hier hat man die Chance! Die vier Kater leben in großen, naturnahen Gehegen. In gewisser Weise sind sie Botschafter für ihre Verwandten im Wald.

Wildkater Toco im Wildkatzendorf Hütscheroda, ©Dr. Katrin Vogel, Wildtierland Hainich gGmbH

Das Wildkatzendorf ist kein Zoo für heimische Wildtiere. Es ist ein Informationszentrum, das aufmerksam macht auf die Bedrohung der Wildkatze. Und das informiert über die Maßnahmen zu ihrem Schutz. In seinem Projekt „Rettungsnetz Wildkatze“ hat der BUND einen grundlegenden Plan entwickelt. Korridore und Grünbrücken sollen Wälder wieder miteinander verbinden, damit die Wildtiere großflächig wandern und genetischer Austausch stattfinden kann. Und damit sich die Tiere wieder dort ansiedeln, wo sie bereits ausgestorben waren. Im Hainich hat das gut geklappt.

Carlo, Toco, Franz und Emil haben also eine Mission. Und in ihrer Gesellschaft gibt es neuerdings auch ein Luchspärchen: Kaja und Looki. Wo Wildkatzen wohnen gefällt es eben auch ihnen.

Immer auf dem richtigen Weg

Feensteig im Nationalpark Hainich, ©Christiane Würtenberger, CMR

Grundsätzlich ist der Nationalpark Hainich natürlich ein Urwald. Sie müssen sich jedoch nicht den Weg mit der Machete bahnen. Es gibt eine Reihe gut ausgeschilderter Wege, die hindurchführen. Was Sie dafür brauchen sind lediglich Wanderschuhe oder ein Fahrrad.

Wie wäre es für den Anfang mit einem der vielen Rundwanderwege: Beim Wanderweg Hünenteich ist das Froschkonzert inklusive. Sie können aber auch Spuren germanischer Siedlungen suchen, Wildkatzen hinterherschleichen oder die Betteleiche bestaunen.

Oder lassen Sie sich lieber den Wind auf dem Rad um die Nase wehen? Dann eröffnen die Nationalpark-Radrouten Perspektiven. Vom Werratal aus geht es quer durch den Hainichwald von West nach Osten bis in die Gartenstadt Bad Langensalza auf der Gelben Route. Eine Nord-Süd-Strecke ist die Rote Route. Sie führt durch das historische Mühlhausen bis ins Herz des Waldes zum geografischen Mittelpunkt Deutschlands.

 

Titelbild ©Jens Hauspurg, Thüringer Tourismus GmbH


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