Am Puls der Bewegung – das Thüringer Staatsballett in Altenburg Gera

Zwischen klassischem Ballett und zeitgenössischem Tanz

Dank seiner goldbeflügelten Wächterin ist das Theater mit der wunderschönen Neorenaissance-Fassade nicht zu verfehlen. Schon von weitem sieht man sie, die Göttin der Wahrheit. Die riesige goldene Engelsfigur thront auf dem Theaterdach, lässig gestützt auf den Kopf einer Sphinx. Wer ins Große Haus möchte, kommt an ihrem strengen Blick nicht vorbei.

Hinter mir fällt die schwere Eingangstür ins Schloss. Ich laufe durch das Foyer, vorbei am Theatersaal mit seinen roten Samtstühlen, vorbei an leeren Garderoben, am Konzertsaal mit seinen prunkvollen Kronleuchtern. Was in Gera einst als fürstliches Hoftheater gebaut wurde, beherbergt heute neben Proberäumen, künstlerischer Leitung und Verwaltung zwei der insgesamt zehn Spielstätten des Theaters Altenburg Gera, Thüringens einzigem Fünfspartentheater. Die Gänge hinter der Bühne sind verwinkelt, es geht die Treppe hoch, dann rechts, dann links, die Treppe runter. Im Flur läuft jemand in ein Handtuch gewickelt an mir vorbei, grüßt, irgendwo höre ich ein Klavier, weiter hinten dröhnen Bässe. Die Tür zum Büro von Silvana Schröder, Ballettdirektorin und Chefchoreographin des Theaters, steht offen. Vor der Probe sind wir noch zu einem Interview verabredet, ich bin gespannt auf die Pläne für die kommende Spielzeit.

Im Ensemble des Thüringer Staatsballetts mit seinen 22 TänzerInnen und 14 ElevInnen aus 12 Nationen gibt es für mich immer wieder neue, ausdrucksvolle KünstlerInnen zu entdecken, deren unterschiedliche Persönlichkeiten den Inszenierungen eine ganz besondere Farbe verleihen. Ob klassischer Spitzentanz auf höchstem Niveau, modernes Tanztheater oder Neo-Klassik, die beides verbindet - die Compagnie ist in alle Richtungen ausgebildet, eine Seltenheit in Deutschlands Tanzszene.

Neben großen Ensemble-Inszenierungen zeigt sich die charakteristische Handschrift des Thüringer Staatsballetts vor allem in der behutsamen und zugleich kraftvollen Weise, sich mit schwierigen Figuren und ungewöhnlichen Schicksalen künstlerisch auseinanderzusetzen. Mit ihrem warmen und offenen Blick gestaltet Silvana Schröder als Chefchoreographin zusammen mit den TänzerInnen die Bühnencharaktere. Sie beleuchten alle Seiten, verwandeln Schwächen in Stärken und malen vibrierende Zeugnisse davon, was es heißt, Mensch zu sein. Das macht es leicht für das Publikum, sich selbst mit einer durchaus ambivalenten Figur wie Dracula in der gleichnamigen Inszenierung zu identifizieren. Oder aber mit der alles andere als gefälligen Édith Piaf, gesungen von Vasiliki Roussi und getanzt von Alina Dogodina in der Collage ”Piaf - La vie en rose”, einer seit 2016 immer wieder ausverkauften Inszenierung mit dem Thüringer Staatsballett.

Mein ganz persönlicher Favorit ist und bleibt der Ballettabend ”Forever Lennon”. Die Inszenierung mit der großartigen Liveband Johnny Silver ist nicht nur eine Hommage an einen herausragenden Musiker, sondern auch ein Abend voller Fragen. Mit fesselnder Wucht werden Themen wie die Sehnsucht nach Freiheit, der Wunsch nach Rebellion, Selbstzweifel und Verwundbarkeit ins Hier und Jetzt katapultiert, bis am Ende auf dem Vorhang nur noch eine Projektion zurückbleibt: Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.

Es klopft an der Tür. Alina Dogodina, seit 2003 Mitglied der Compagnie, schaut herein, um mich mit in den großen Ballettsaal zu nehmen. Hier herrscht eine konzentrierte, aber fröhliche Atmosphäre. Die TänzerInnen sind auffallend jung, die meisten von ihnen befinden sich im letzten Ausbildungsjahr an Balletthochschulen im In- und Ausland. Seit der Spielzeit 2018/19 haben sie die Möglichkeit, als Eleven des Thüringer Staatsballetts professionelle Bühnenerfahrung zu sammeln und sich als künstlerische Persönlichkeiten weiterzuentwickeln. Ich mache einige Fotos, dann geht es auch schon zur Probe in den Theatersaal. Silvana Schröder ist gerade dabei, mit Ballettmeister Vitalij Petrov noch einige Änderungen zu besprechen. In wenigen Wochen hat die Produktion ”Corpus” Premiere, bei der das gesamte Ensemble zusammen auf der Bühne stehen wird. Zur Musik von Frankie Chan, den Perkussionen von Les Tambours du Bronx und den Kompositionen von Max Richter verwandeln sie die eigenen Körper und den geteilten Raum. Mit einer elektrisierenden Choreographie, in der sie die physischen Grenzen erforschen, machen sie das Stück zu einem für das Publikum sinnlich erlebbaren Theaterereignis.

Es ist eine besondere Magie, die beim Zuschauen zwischen den TänzerInnen und dem Publikum entsteht, schon jetzt, während der Probe. Mein Blick darf sich den tanzenden Körpern auf der Bühne nähern und wieder entfernen. Ich merke, wie ich anfange, dem dynamischen Fluss der Bewegungen zu folgen, während die Vibrationen auf der Bühne durch den Zuschauerraum gleiten. Spüre, wie ich beginne, anders zu sitzen und anders zu atmen, so als würde mein Körper mit denen der Tänzer auf der Bühne für einen Augenblick verschmelzen. Kein Livestream könnte dieses Erlebnis je ersetzen.

Die Probe ist vorbei, bis zur Premiere ist noch einiges zu tun, aber Silvana ist zuversichtlich, auf ihre Compagnie kann sie sich verlassen. Wir verabschieden uns kurz, dann stehe ich wieder unten vor dem Theater. Über mir lauert die Sphinx, ein letztes Rätsel hat sie noch für mich. Welche Sprache hat keine Worte und wird dennoch von allen verstanden? fragt sie. Der Tanz, antworte ich, während hinter mir die schwere Tür ins Schloss fällt. Und die Göttin der Wahrheit lächelt ihr goldenes Lächeln über dem Theaterdach, während ich die Straßenbahnschienen überquere in Richtung Bahnhof.

Das Theater Altenburg Gera ist das einzige Fünftsparten-Theater in Thüringen!

Es begeistert seine Besucher mit Musiktheater, Schauspiel, Konzerten, Ballett und Puppentheater. In folgenden Theaterhäusern könnt ihr ebenfalls Musiktheater erleben: - Theater Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen - Staatstheater Meiningen - Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar - Landestheater Eisenach - Theater Erfurt In folgenden Theaterhäusern könnt ihr ebenfalls Schauspiel erleben: - Theater Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen - Theater Rudolstadt - Staatstheater Meiningen - Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar - Landestheater Eisenach (junges Schauspiel) In folgenden Theaterhäusern könnt ihr ebenfalls Konzerte erleben: - Theater Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen - Staatstheater Meiningen - Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar - Theater Erfurt In folgenden Theaterhäusern könnt ihr ebenfalls Ballett erleben: - Theater Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen - Landestheater Eisenach In folgenden Theaterhäusern könnt ihr ebenfalls Puppentheater erleben: - Staatstheater Meiningen - Theater Waidspeicher

 


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