Wer weiß denn so etwas?

Die Himmelsburg erklärt

Gar nicht so einfach, aber wir haben es einmal versucht. Die „Himmelsburg“ war die Kapelle des im 17. Jahrhundert erbauten Weimarer Stadtschlosses. Die architektonische Gestaltung der Schlosskapelle war einzigartig.

Über dem Kirchenschiff erhob sich, durch ein Oberlicht mit dem Kirchenraum verbunden, eine Capella. In 20 Metern Höhe, über einem massiv verlängerten Altar in einer offenen Musikgalerie, stand die eigens für Bach umgebaute Orgel. Entlang der umlaufenden Emporenbrüstung waren Sänger und Instrumentalisten platziert.

Die gespielte Musik war Teil eines Aufstiegskonzeptes zwischen Erde und Himmel. Der Name „Weg zur Himmelsburg“ war damit sowohl architektonisch als auch akustisch zu verstehen. (1)

Wie die Kapelle ausgesehen hat, kann man heute nur mutmaßen. Anhand weniger Gemälde, historischer Grundrisse und Vergleichsobjekte lässt sich aber ein guter Eindruck gewinnen.

Schloss Weimar

Weimarer Schloss, ehemals Wilhelmsburg nach dem Brand vom 6. Mai 1774 ©Olaf Mokansky, Klassik Stiftung Weimar, Bestand Museen, Künstler unbekannt

Hier gibt es 5 spannende wissenschaftliche Fakten zur Himmelsburg in Weimar:

#1 Architektur

Die Säulen des Pyramidenkanzel-Altars waren in Palmen ausgebildet, in Anlehnung an biblische Vorbilder aus Jerusalem. (2) Altar und Kanzel bildeten eine zentrale Einheit. Die Emporen ermöglichten eine gute Sicht auf den geistlichen und förderten damit eine gute Verständlichkeit der Predigt. Zudem begünstigten sie die diffuse Schallreflektionen durch ihre raumstrukturierte Wirkung. (3) 
Der Altar der Weimarer Schlosskapelle diente als Vorbild für zahlreiche Altäre der Region, z.B. in Tiefurt und in Niedergrunstädt. Unter dem Altar wurde die herzogliche Gruft gebaut. 

#2 Räumliche Gestaltung

Die Schlosskapelle wurde symmetrisch und achsial geplant. Der Fußboden verlief vermutlich auf einem Niveau. Der Altarraum entstand womöglich beim bau des pyramidalen Kanzelaltars mit der darunterliegenden Gruft. Als Geländer für die Emporen wurde gotisch gegliedertes Maßwerk verwendet. Ein schachbrettartig verlegter Natursteinboden wurde als Fußboden eingebaut. (4)

#3 Akustik

Die Schlosskapelle eignete sich sehr gut für musikalische Darbietungen. Nach Untersuchungen kann das Klangbild mit dem in Konzertsälen gleichgesetzt werden. Trotz besonderer Architektur ist die Akustik in der Himmelsburg mit anderen barocken Kirchen zu vergleichen. Der kleine, aber feine Unterschied: Ein längerer Nachhall – besonders im Tieffrequenzbereich – sorgte in der Weimarer Schlosskapelle für wärmere und vollere Klänge. Eine längere Nachhallzeit bewirkt zudem, dass sich Zuhörer von der Musik „eingehüllt“ fühlen. (5)

#4 Vergleichsobjekte I

Ein weiteres bedeutendes Beispiel der Thüringer Schlossbaukunst ist das Gothaer Schloss Friedenstein. Ab 1643 ließ Herzog Ernst der Fromme an Steller der sieben Jahre vorher zerstörten Burg ein Schlossbau erreichten. Die Schlosskapelle ist – wie auch in Weimar – in den Gebäudekomplex vollständig integriert. Gemeinsamkeiten sind in der wesentlichen Raumaufteilung zu erkennen: ein breites Hauptschiff und zwei kleine Nebenschiffe mit darüberliegenden Emporen. In Hinsicht auf Bestuhlung und Orgel sind ebenfalls vergleichbare Aussagen möglich. Das Balustergelände der Orgelempore erinnert optisch an die Geländer der Weimarer Schlosskapelle. (6)

#5 Vergleichsobjekt II

„In der Pfarrkirche St Christophorus in Tiefurt bei Weimar ist ein Altar zu finden, der dem in der Weimarer Schlosskirche in einigen Punkten ähnelt. Die Kirche wurde in ihrem heutigen Zustand 1715-25 unter Verwendung baulicher Reste des Vorgängerbaues errichtet. Der Pyramidenkanzelaltar stammt vermutlich aus dieser Zeit. Geographische Nähe und gleiche Bauzeit erlauben einen Vergleich von Tiefurt und Weimar, wobei Größe, Ausstattung und Gestaltung des Altares der Dorfkirche in Tiefurt natürlich nicht identisch mit der Weimarer Schlosskirche sind.“ (7)
 

Quellen:

(1) Vgl. Dr. Anselm Hartinger, Musikwissenschaftler und Musiker, Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig. 

(2) Vgl. Florian Scharfe, 2005, Rekonstruktion der Schloßkapelle im Weimarer Residenzschloß, Zustand 1658 – 1774, S. 10.

(3) Vgl. Jörg Arnold, 2005, Diplomarbeit "Raumakustische Rekonstruktion der Schlosskapelle des Weimarer Residenzschlosses im Zustand von 1658 - 1774", S. 150.

(4) Vgl. Florian Scharfe, 2005, Rekonstruktion der Schloßkapelle im Weimarer Residenzschloß, Zustand 1658 – 1774, S. 10.

(5) Vgl. Jörg Arnold, 2005, Diplomarbeit "Raumakustische Rekonstruktion der Schlosskapelle des Weimarer Residenzschlosses im Zustand von 1658 - 1774", S. S. 69, 141, 150 ff.

(6) Vgl. Florian Scharfe, 2005, Rekonstruktion der Schloßkapelle im Weimarer Residenzschloß, Zustand 1658 – 1774, S. 18.

(7) Vgl. Florian Scharfe, 2005, Rekonstruktion der Schloßkapelle im Weimarer Residenzschloß, Zustand 1658 – 1774, S. 20.


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