Gartenkunst an der Ilm

Weimars grüne Seite

„Wege sind stumme Führer“, zitiert Andreas Pahl den großen Gartenkünstler Fürst Pückler und zeigt auf ein romantisch bemoostes Mauerwerk mit geschwungener Brücke, aufwendig errichtet im perfekten Ruinen-Look. Auch die Fichten in seiner Nähe stünden keineswegs zufällig da. Weimars Gartenkunst lädt zum Staunen ein.

Schon damals kamen die coolsten Trends von der Insel. Und so ließ Erbherzog Carl Friedrich von Sachsen-Weimar-Eisenach, als der englische Landschaftsgarten auch in Deutschland in Mode kam, von 1811 an die ganze barocke Gartenanlage rund um seine Sommerresidenz Belvedere peu à peu ersetzen: weg mit den geometrischen Blumenbeeten, den beschnittenen Hecken, den strahlenförmig angelegten Alleen! Her mit britischer Weite und Natürlichkeit, mit Wiesen, mit romantisch verstreuten Skulpturen und Schmuckplätzen! Wer heute durch den Schlosspark Belvedere spaziert, den eine über vier Kilometer lange, schnurgerade Allee mit der Weimarer Altstadt verbindet, der merkt in der Tat kaum noch, wo der Park aufhört und die Natur anfängt. Die Übergänge sind fließend. Es duftet nach Heu, Schafe weiden auf blühenden Wiesen, und Wege mäandern verspielt unter Kastanien, Linden und Lärchen hindurch.

Sommerresidenz „very British“

„Wege sind stumme Führer“, zitiert Andreas Pahl den großen Gartenkünstler Fürst Pückler. „Gucken Sie hier: Erst leitet uns der Weg zur Blutbuche, dann zur Hängebuche, dann weiter zur Fontäne, bis sich schließlich der Blick auf die Große Grotte eröffnet.“ Er zeigt auf ein romantisch bemoostes Mauerwerk mit geschwungener Brücke, aufwendig errichtet im perfekten Ruinen-Look. Die Fichten in seiner Nähe stünden auch keineswegs zufällig da – sie sollten eine Atmosphäre der Düsterheit erzeugen, weiß Pahl. Er ist Gartenreferent der Klassik Stiftung Weimar, zu der auch Schloss Belvedere gehört. Und kann viel erzählen über den großzügigen Schlosspark. „15 Kilometer Wege führen durch den Park“, sagt er. „Man denkt, man spaziert ganz zufällig durch die Landschaft, aber alles hier folgt einem unsichtbaren Drehbuch. Und schon taucht hinter einer Kurve der nächste Schmuckplatz auf. Das Rosen-Berceaux oder die Einsiedelei. Alles Entzücken, das der Spaziergänger empfindet, ist ganz genau geplant.“

Alles very British also? Nicht ganz. Den sogenannten Russischen Garten direkt am Schloss hat Herzog Carl Friedrich ganz formal im Barockstil anlegen lassen – mit Amorgarten und 200 Jahre alten Hainbuchen, die dunkle Laubengänge bilden, in denen der Teint der flanierenden Damen garantiert schön weiß bleibt. Es gibt einen Lindengarten und symmetrisch arrangierte Jahreszeiten- Statuen. Der Garten ist die exakte Kopie eines Gartens aus St. Petersburg – und sollte Carl Friedrichs Frau, der Russin Maria Pawlowna, den Umzug in die Provinz versüßen und ihr das Heimweh nehmen. Mit Erfolg, wie es scheint. „Die Illusion ist fast perfekt“, zitiert Andreas Pahl augenzwinkernd aus einem Brief der Herzogin an ihre russische Mutter.

Romantisch vermoost

Parks, Gärten und Friedhöfe mit gartenhistorischer Bedeutung, die Thüringens Vielfalt in Sachen Gartenkunst bezeugen: mindestens sechs davon befinden sich in und um Weimar. Der Historische Friedhof gehört dazu, ein hinreißend romantischer Ort, zwischen dessen bemoosten Grabsteinen man wunderbar spazieren gehen kann. Goethes Familie liegt dort ebenso begraben wie sein Vertrauter Eckermann. Goethe selbst hat seine letzte Ruhestätte neben Schiller in der Fürstengruft gefunden, die mitten auf dem Friedhof errichtet wurde.

Oh, wie schön ist Biedermeier!

Ein echter Ort des Lebens hingegen ist der gegenüber vom Weimarer Stadtschloss gelegene, idyllische Kirms-Krackow-Garten. Er ist das Paradebeispiel für den bürgerlichen Biedermeier-Garten aus dem 18. Jahrhundert, wie es ihn in Deutschland heute kaum noch gibt. „Biedermeier-Gärten waren klein, symmetrisch angelegt und von Mauern umschlossen“, erzählt Gästeführer Steffen Meyer. „Man sollte aus dem Haus direkt ins Freie treten können, um ein paar Schritte zu tun und frische Luft zu schnappen.“

Bis heute wandelt man im Kirms-Krackow-Garten auf schmalen Kieswegen zwischen Spalierobst und mit Buchsbaum eingefassten Beeten hindurch, in denen Aurikel, Phlox und Stockrosen blühen. Franz Kirms, der den Garten anlegte, war „Blumist“, wie man damals sagte, und interessierte sich für Pflanzenzucht. Sein Geld verdiente er als Finanzdirektor des Weimarer Hoftheaters. „Schiller kam hier vorbei, um seine Honorare abzurechnen, Iffland lud sich selbst zum Essen ein, Hans-Christian Andersen übernachtete im Hause, wenn er auf Durchreise war“, erzählt Steffen Meyer so anschaulich, dass die Weimarer Klassik auf einmal zu ganz neuem Leben erwacht. Eine schöne Vorstellung, dass die Weimarer Hochkultur bei Kirms im Gartenpavillon saß und Karten spielte. „Doch, doch, so war’s!“, lacht der Stadtführer.

Goethes Gartenhaus in Weimar

Goethes Gartenhaus in Weimar ©Carlo Bansini, Thüringer Tourismus GmbH

Ein Klassiker

Apropos Klassik: Auch der großzügige, im englischen Stil konzipierte Park an der Ilm ist ein besonderer Genuss. Dort befindet sich der von Goethe angelegte „Garten am Stern“. In das am Hang gelegene Grundstück samt „Gartenhaus“ zog sich der Dichter zurück, wenn er Ruhe brauchte vor dem Kulturtrubel in der Stadt. „Gärtgen vorm Thore“ nannte er ihn und plante ihn höchstpersönlich – mit einer „Malvenallee“, einem parkähnlichen Bereich im englischen Stil, einer Obstwiese sowie Beeten zum Anbau von Erdbeeren und Spargel, womit sich in der Praxis dann aber vor allem seine Frau Christiane herumschlug. Goethe selbst widmete sich lieber wissenschaftlichen Betrachtungen zum Thema Gemüsezucht.

Außerdem überließ er den Schlüssel zu Haus und Garten seiner engen Vertrauten Charlotte von Stein. Und ließ an ihrem Lieblingsplatz, leicht erhöht mit Blick in die Natur, ein sehr verliebtes Gedicht in Stein meißeln.

Neue Natur in Weimar

Passend zur BUGA 2021 in Erfurt hat auch die Klassik Stiftung Weimar die „Neue Natur“ zum Jahresthema gewählt. In Ausstellungen, Aktivitäten und Debatten geht es um das Verhältnis Mensch und Natur. Zentrum ist der „Grüne Pavillon“ im Park an der Ilm.

©Marcus Glahn, Stiftung Schloss Friedenstein Gotha für die Schatzkammer Thüringen


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