Die Avantgarde war auch weiblich

Frauen am Bauhaus

Das Bauhaus wurde von den unterschiedlichsten Protagonisten geprägt. Doch sind es zumeist männliche Vertreter wie Walter Gropius, Henry van de Velde oder Wassily Kandinsky, die unweigerlich mit der wichtigsten Kunstschule des frühen 20. Jahrhunderts in Verbindung gebracht werden. Doch was war eigentlich mit den Frauen? Obwohl deren beachtliche Anzahl etwa ein Drittel der Bauhäusler ausmachte, standen sie zu Unrecht im Schatten der Schule.

Reise in die Vergangenheit

Eine kleine Zeitreise hilft, mehr über die Bauhaus-Frauen zu erfahren. Dafür eignet sich am besten ein Ausflug zu Stätten und Schauplätzen, an denen die Ideenschule noch heute erlebbar ist. Den Beginn macht Weimar, der Gründungsort des Bauhauses.

Zunächst trifft man hier wieder auf die Herren der (Bauhaus-)Schöpfung. Im Park an der Ilm steht die Ruine des Tempelherrenhauses. Hier hatte Bauhaus-Meister Johannes Itten sein Atelier. Er war Leiter des Vorkurses, den er selbst als Einführungssemester entwickelt hatte. Für Itten war das Bauhaus mehr als Architektur, Design und funktionaler Stil. Die individuellen Fähigkeiten des Menschen betrachten und fördern. Damit befasste sich Itten als Anhänger der religiösen Mazdaznan-Bewegung und war mit seinem rasierten Kopf und in Kutten gekleidet schon ein Unikat an der Kunstschule. Frauen hingegen waren am Bauhaus nicht ganz so rar.

Wo Wolle ist, ist auch ein Weib

Nachdem Walter Gropius bei Eröffnung verkündete, dass „[…] jede unbescholtene Person ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht […]“ als Lehrling aufgenommen wird, schrieben sich 84 weibliche und 79 männliche Studierende im Sommersemester 1919 ein.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es unüblich, dass Frauen überhaupt studieren konnten. Gropius setzte somit ein Zeichen und machte das Bauhaus zum Vorreiter in Sachen Frauen-Emanzipation. Der Euphorie folgte jedoch bald Ernüchterung, denn Frauen galten in Werkstätten – wie der Metallwerkstatt und der Tischlerei – als unerwünscht. Zu schwer sei die körperliche Arbeit und Gropius fürchtete angesichts der hohen Frauenquote einen Imageschaden der Hochschule.

Der spottende Vers „Wo Wolle ist, ist auch ein Weib, das webt, und sei es nur zum Zeitvertreib“, den Form-Meister Oskar Schlemmer prägte, führte nicht zuletzt dazu, dass 1920 die Weberei zur „Frauenklasse“ erklärt wurde. Die Formmeister des Bauhauses, unter ihnen keine einzige Frau, bewahrten sich somit auch die Möglichkeit, die wenigen Werkstattplätze für die männlichen Studenten zu reservieren.

Einige der Frauen ließen sich aber nicht so einfach in die Weberei abschieben. Marianne Brandt eroberte sich in der Männerdomäne Metallwerkstatt einen Platz und war erfolgreicher als manch einer ihrer Kommilitonen. Andere begriffen die „Frauenklasse“ als eine Chance: Gunta Stölzl avancierte sogar zur ersten Bauhaus-Meisterin in der Weberei. Hier bildete sie Margaretha Reichardt aus, die nach Erhalt ihres Bauhaus-Diploms in Erfurt ihre eigene erfolgreiche Textilwerkstatt aufbaute. Diese kann noch heute besichtigt werden – im Margaretha-Reichart-Haus in Erfurt-Bischleben werden originale Handwebstühle und die ursprünglich erhaltenen Wohnräume präsentiert.

Das Bauhaus und seine Frauen heute

Trotz ihrer herausragenden Leistungen verschwanden viele Arbeiten der Bauhaus-Frauen in den Schubladen oder wurden gar als Arbeiten ihrer Männer verkauft. So auch viele Texte von Ise Gropius. Sie wird von ihrem Mann Walter Gropius liebevoll „Frau Bauhaus“ genannt, verzichtet nach der Heirat auf ihren eigenständigen Beruf und wird Sekretärin, Lektorin und Organisatorin am Bauhaus. Sie bringt sich sogar in gestalterische Entwürfe ihres Mannes ein. Das Bauhaus wird zu ihrem „zweiten Ich“.

Ausstellung „Vergessene Bauhausfrauen“

Im Fokus der Ausstellung im Bauhaus-Museum Weimar stehen vielschichtige Lebensläufe bisher unbekannter Bauhaus-Frauen in den 1930er und 1940er Jahren.

2019 feierte das Bauhaus 100. Geburtstag und dank filmischer Umsetzungen wie „Lotte am Bauhaus“ und „Bauhausfrauen“ rückten Künstlerinnen vergangener Tage (endlich) zurück ins Rampenlicht. Auch die Klassik Stiftung Weimar möchte sich dem Thema Frauen am Bauhaus weiter widmen. Spannende Geschichten finden sich auf dem Blog der Klassikstiftung, zudem wird es eine Ausstellung zu den Schicksalen der vergessenen Bauhausfrauen im Bauhaus-Museum Weimar geben.

Titelbild: Tempelherrenhaus im Park an der Ilm in Weimar, ©weimar GmbH Gesellschaft für Marketing, Kongress- und Tourismusservice


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